E.T. ist einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten – und heimlich vielleicht auch einer der frömmsten. Denn Spielberg hat, ob absichtlich oder nicht, die Jesusgeschichte verfilmt. Sein Außerirdischer ist dem Sohn Gottes zum Verwechseln ähnlich: Er kommt vom Himmel, heilt Kranke, stirbt, steht auf und fährt gen Himmel. Die Bibel nennt das Evangelium. Spielberg nannte es E.T.
Steven Spielbergs E.T. – Der Außerirdische gilt als einer der großen Familienfilme der 1980er-Jahre. Ein verlorenes Wesen aus dem All strandet auf der Erde, wird von einem Kind versteckt, von Behörden verfolgt und muss am Ende wieder nach Hause. So viel zur Oberfläche des Films. Darunter liegt aber eine zweite Ebene, die viele Zuschauerinnen und Zuschauer seit Jahrzehnten beschäftigt: Ist E.T. auch eine moderne Jesus-Geschichte?

Ganz falsch ist diese Deutung nicht. Der Film erzählt von einem Wesen, das aus einer höheren Welt zu den Menschen kommt, von Kindern zuerst erkannt wird, heilt, Leben spendet, verfolgt wird, stirbt, wieder aufersteht und am Ende in den Himmel zurückkehrt. Das klingt fast zu auffällig, um bloßer Zufall zu sein. Gleichzeitig wäre es zu einfach, den Film als versteckten Religionsunterricht zu lesen. Die Menge an religiösen Bildern, die der Film aufruft, ist jedoch frappierend.
Jesus, die Bibel und der Film ET: Ein Wesen kommt „von oben“
Am Anfang kommt E.T. buchstäblich vom Himmel. Sein Raumschiff landet in der Nacht, die Außerirdischen sammeln Pflanzenproben, dann werden sie gestört und müssen fliehen. E.T. bleibt zurück. Ein Wesen aus einer anderen, höheren Welt findet sich plötzlich in der Menschenwelt wieder. Schon hier beginnt die Nähe zu religiösen Erzählmustern: Ein Fremder kommt von außerhalb, ist verletzlich, wird nicht verstanden und ist doch den Menschen auf eine geheimnisvolle Weise überlegen.
Auch im Christentum tritt mit Jesus das Göttliche quasi vom Himmel in die Welt der Menschen ein. Durch die Geburt Jesu wird Gott menschlich. Dahinter steckt das Konzept der Dreifaltigkeit – eines der zentralen Elemente im christlichen Glauben. Demnach existiert Gott nicht nur als Schöpfer im Himmel, sondern auch als Mensch (Jesus) und als der Heilige Geist – die göttliche Kraft, die in den Menschen und der Welt wirkt.
Für die Geburt Jesu benutzt die Bibel oft Bilder des Herabkommens oder des Himmels. Jesus ist ein Geist, der von oben kommt. Damit ist nicht unbedingt gemeint, dass Jesus tatsächlich von oben herabkommt, sondern eher, dass mit ihm das Göttliche – also eine höhere Wirklichkeit – in die menschliche Welt hinübertritt. Das Bild des „Herabkommens“ ist also eine Metapher. Und genau diese Metapher findet sich auch in E.T.
Die Kinder glauben zuerst

Eine weitere Parallele liegt darin, wer E.T. erkennt. Es sind nicht die Erwachsenen, nicht die Wissenschaftler, nicht die staatlichen Stellen. Es sind die Kinder. Elliott begegnet ihm zuerst, dann seine Geschwister. Sie haben Angst, aber sie sind offen.
Das erinnert an ein Motiv, das in vielen religiösen Erzählungen auftaucht: Die Wahrheit wird nicht zuerst von den Mächtigen erkannt. Sie zeigt sich den Kleinen, den Außenseitern, den Menschen, die noch nicht alles verwalten, vermessen und absichern wollen. In den Evangelien sind es oft einfache Menschen, Kranke, Kinder, Frauen, Fischer oder gesellschaftlich Schwache, die Jesus verstehen oder denen Jesus hilft. Autoritäten reagieren hingegen misstrauisch.
In E.T. sind es Kinder, die begreifen: Dieses Wesen ist nicht zuerst ein Forschungsobjekt. Es ist jemand. Das ist auch politisch und gesellschaftlich interessant. Der Film stellt zwei Formen des Umgangs mit dem Fremden gegenüber. Die Kinder fragen: Wer bist du? Was brauchst du? Wie können wir dir helfen? Die Erwachsenen und Behörden fragen: Was ist das? Ist es gefährlich? Wie sichern wir es? Wie isolieren wir es? Der Film entscheidet sich emotional klar für die erste Haltung.
Jesus und ET: Zarte Macht und Wunder statt Waffen
E.T. ist kein klassischer Messias. Aber er tut Dinge, die der Film wie Wunder inszeniert. Er heilt Elliotts verletzten Finger, bringt eine vertrocknete Pflanze wieder zum Leben und verbindet sich telepathisch mit Elliott. Und in der berühmten Fluchtszene lässt er die Fahrräder fliegen.

Diese Momente rufen Motive auf, die tief in religiösen Geschichten verankert sind: Heilung, neues Leben, Überwindung der Naturgesetze. E.T. ist nicht mächtig im militärischen Sinn. Er hat keine Waffen, keine Armee, keine Befehlsgewalt. Seine Macht ist zart: Er heilt, fühlt, erinnert, berührt, verbindet.
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt der Jesus-Parallele. E.T. triumphiert nicht durch Gewalt. Er ist gerade durch seine Verletzlichkeit stark. Sein Körper wirkt schwach, sein Gang unbeholfen, seine Stimme brüchig. Jesus wird ähnlich beschrieben: dünn, körperlich schwach und aus armen Verhältnissen stammend. Aber beide verändern die Menschen, die ihnen nahekommen – auf eine gewaltlose, fürsorgliche Art.
Die Polizei als die modernen Römer
Wenn der Film dunkler wird, treten die Erwachsenen in Schutzanzügen auf. Das Haus wird abgeriegelt, die Familie wird getrennt, E.T. und Elliott werden medizinisch überwacht. Plötzlich ist die Vorstadt kein sicherer Ort mehr, sondern ein Labor. Was vorher ein Geheimnis zwischen Kindern war, wird zur Angelegenheit von Staat, Wissenschaft und Sicherheitsapparat.
In der Bibelgeschichte sind es die Römer, die den Staat repräsentieren und die Gewalt, die von ihm ausgeht. Spielberg tauscht aber nicht einfach die Römer durch den modernen Staat. Er zeigt vielmehr ein Wesen, das von den Institutionen der Macht erfasst wird – und diese sind kalt, technisch und zerstörerisch. Nicht weil die Behörden böse sind, manche wollen vielleicht sogar helfen. Aber sie können E.T. nur als Risiko behandeln.
Damit erzählt der Film auch etwas über die Angst moderner Gesellschaften vor dem Unkontrollierbaren. Was nicht in die Ordnung passt, wird vermessen. Was nicht verstanden wird, wird isoliert. In dieser Logik kann ein Wunder gar nicht als Wunder erscheinen. Es wird zu einem Problem, das man managen muss.
ET und die Himmelfahrt: Tod, Auferstehung und Heimkehr
Am stärksten wird die Jesus-Lesart gegen Ende, wenn E.T. vermeintlich (oder tatsächlich) stirbt, und wieder aufersteht: E.T. wird immer schwächer. Dann scheint E.T. zu sterben. Sein Körper liegt bleich und reglos da. Sein Freund Elliott muss Abschied nehmen. Kurz darauf beginnt E.T.s Herz wieder zu leuchten: Er lebt. Was darauf folgt, ist E.T. Rückkehr ins All.
Der Film zeigt keine Auferstehung im religiösen Sinn, aber er inszeniert eine Heimkehr in die Sphäre, aus der E.T. gekommen ist. Seine Mission auf der Erde ist beendet. Genauso wie Jesus nach seiner Auferstehung zurück in den Himmel kehrte, in das Reich Gottes, aus dem er kam. Und beide, sowohl Jesus als auch E.T. lassen die Menschen verändert zurück.
Besonders stark ist der Abschied von Elliott. E.T. sagt nicht einfach: Ich gehe. Er zeigt auf Elliotts Stirn und Herz und macht damit klar, dass er in ihm bleiben wird. Die Paralelle zum Kreuzzeichen im Christentum ist hier unübersehbar: Bei dieser Gebetsgeste wird zuerst die Stirn, dann das Herz mit der Hand berührt. Die Berührung der Stirn bedeutet: Gott soll mein Denken leiten. Die Berührung des Herzens bedeutet: Gott soll in meinem Herzen sein. Oft werden auch noch die beiden Schultern berührt, um damit symbolisch ein Kreuz zu zeichnen. E.T. sagt Elliot damit: Ich werde immer in deinem Denken und in deinem Herzen sein.
Das berühmte Finger-Bild: Michelangelo in Hollywood
Dass diese religiöse Bildwelt nicht nur von Zuschauerinnen und Zuschauern hineingelesen wurde, zeigt schon das berühmte Poster: E.T.s Finger berührt fast den Finger eines Kindes. Zwischen beiden leuchtet es. Die Anspielung auf Michelangelos Die Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kapelle ist offensichtlich: Dort streckt Gott Adam den Finger entgegen und gibt ihm Leben.
Für E.T. wurde dieses Motiv in die Popkultur übersetzt. Aus Gott und Adam werden Alien und Kind. Aus der Renaissance wird ein Kinoplakat. Das ist kein kleines Detail. Dieses Bild hat stark dazu beigetragen, dass E.T. überhaupt religiös gelesen wurde. Es sagt: Hier geht es nicht nur um ein Alien. Hier geht es um Transzendenz.
Aber Spielberg wollte keinen Bibelfilm drehen
Trotz all dieser Parallelen wäre es falsch, E.T. auf die Formel „E.T. = Jesus“ zu reduzieren. Spielberg ist ein jüdischer Regisseur, Drehbuchautorin Melissa Mathison schrieb keine christliche Allegorie, und Spielberg selbst erklärte später, dass der emotionale Ursprung des Films stark mit der Scheidung seiner Eltern zusammenhing. Nach der Trennung seiner Eltern habe ihn die Frage beschäftigt, was Kinder in einer zerbrochenen Familie zusammenhält und wie Verantwortung entsteht.

Das merkt man dem Film an. Elliotts Familie ist nicht heil. Der Vater ist weg. Die Mutter ist überfordert. Die Kinder leben in einem Haus, in dem etwas fehlt. E.T. kommt in diese Lücke hinein. Er ist nicht nur ein Erlöser von oben, sondern auch eine Antwort auf kindliche Einsamkeit. Elliott braucht E.T. fast genauso sehr, wie E.T. Elliott braucht.
Darum ist E.T. vielleicht weniger eine Jesus-Geschichte als eine Geschichte über Bedürftigkeit. Zwei Verlassene erkennen einander. Der eine wurde von seinem Raumschiff zurückgelassen, der andere vom Vater. Der Film erzählt nicht nur von Rettung, sondern von gegenseitiger Rettung.
Auch eine Außenseiter- und Exilgeschichte
Es gibt noch eine andere interessante Lesart: Manche Autorinnen und Autoren sehen in E.T. weniger eine christliche Parabel als eine jüdische Außenseitergeschichte. E.T. ist fremd, wird versteckt, muss vor staatlicher Verfolgung geschützt werden und sehnt sich nach Heimkehr. Er ist ein Wesen im Exil. Er gehört nicht hierher
Diese Lesart widerspricht der Jesus-Deutung nicht völlig, verschiebt aber den Schwerpunkt. Dann geht es nicht zuerst um Erlösung durch Opfer, sondern um Fremdheit, Schutz, Verfolgung und Rückkehr. E.T. steht dann für Menschen, die in einer Mehrheitsgesellschaft auffallen, die sich verstecken müssen, die nicht verstanden werden und deren Anderssein Angst auslöst.
Gerade diese Offenheit macht den Film bis heute so spannend. E.T. kann als Jesus-Erzählung gelesen werden, als Scheidungsfilm, als jüdische Exilgeschichte, als Märchen, als Science-Fiction, als Kindheitsfantasie und als Kritik an kalter Bürokratie. Gute Filme sind oft nicht deshalb stark, weil sie nur eine Bedeutung haben. Sie sind stark, weil mehrere Bedeutungen gleichzeitig funktionieren.
- Ben
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