Ob Streaming-Boom oder Corona-Pandemie: Kinos mussten in den vergangenen Jahren weltweit einige Rückschläge verkraften. Die Zahl der Kinobesuche in Europa liegt noch immer deutlich unter dem Vor-Corona-Niveau. Gleichzeitig wächst Letterboxd rasant: Auf der Online-Plattform können Nutzer Filme bewerten, Rezensionen schreiben, persönliche Filmlisten erstellen und sich mit anderen Filmfans austauschen. Von 1,8 Millionen Mitgliedern im Jahr 2020 stieg ihre Zahl auf 17 Millionen im Jahr 2024. Vor allem bei jungen Menschen weckt die App neue Begeisterung für Filme – und könnte damit auch wieder mehr Publikum in die Kinos bringen.
Filmkritik mit Humor: Das Erfolgsrezept von Letterboxd
„the audacity of bear to ask ‘what’s so bad about being with me?’ after putting nikki through every circle of hell imaginable“ (dt.: Die Unverschämtheit von Bear, zu fragen: ‘Was ist denn so schlimm daran, mit mir zusammen zu sein?’, nachdem er Nikki durch alle nur erdenklichen Höllenkreise gejagt hat) – das ist kein Kommentar unter einem YouTube-Video, sondern die populärste „Filmkritik“ auf Letterboxd. Knapp 150.000 Nutzer:innen (Stand 27.08.2026) haben die Review zur Horror-Sensation des Jahres „Obsession“ geliked.
Weitere Top-Reviews, wie z. B. „the definition of ” accidentally became important at work and it’s ruining my life“ (dt.: Die Definition von „Ich bin bei der Arbeit aus Versehen wichtig geworden, und das ruiniert mein Leben“; 135.326 Likes) zum Film „Project Hail Mary“ oder „RIP odysseus you definitely would’ve loved google maps“ (dt.: RIP Odysseus – Google Maps hätte dir bestimmt gefallen; 133.476 Likes) zum Fantasy-Epos „The Odyssey“ zeigen: Auf Letterboxd kommt Filmdiskurs mit Humor und nicht mit bedeutungsschwangeren Wörtern am besten an.
Letterboxd wurde 2011 in Neuseeland gegründet
Das von den Neuseeländern Matthew Buchanan und Karl von Randow 2011 gegründete soziale Netzwerk wurde nach dem Verfahren „letterboxing“ benannt, bei dem ein breites Bildformat mithilfe eines schwarzen Balkens oberhalb und unterhalb des Bildbereichs auch auf schmalere Bildschirme übertragen werden kann. Der Name leitet sich laut eigenen Angaben also von der „Begeisterung für das Breitbildformat ab“.
Letterboxd ist nur so gespickt von One-Liner und Kommentaren, die für einen regen Austausch unter den Nutzer:innen sorgen und fungiert dabei als ein Tagebuch, in dem Mitglieder für das zugehörige Datum einen gesehenen Film von einem bis fünf Sternen bewerten, sowie ihre Meinung teilen können. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist der spielerische Charakter, den das sogenannte „Loggen“ der Filme mitbringt.
Wer hat die meisten Filme im Monat geschaut? Wer hat die witzigste Review geschrieben? Der Konkurrenz-Faktor kann als Form von Gamification zum Filmeschauen anstacheln. Es ist ein simples wie einnehmendes Konzept. So wie GoodReads – die größte Social-Media-Plattform für Bücher -, nur für Filme.
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Film-App wird bei jungen Filmfans immer beliebter
Lange blieb es ruhig um Letterboxd, das von Buchanan und von Randow in den Anfangsjahren nur nebenberuflich betrieben wurde. Doch mit der Corona-Pandemie änderte sich alles: 2020 hatten sich 1,8 Millionen Menschen für die Plattform angemeldet, drei Jahre später waren es bereits 11,4 Millionen und 2024 sogar 17 Millionen. Der Wunsch nach Kontakt und Austausch war während der Pandemie enorm und Fernsehen die Lieblingsbeschäftigung in Isolation. Letterboxd war also zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Besonders bei jungen Menschen kommt das soziale Netzwerk gut an. Nicht umsonst ist die größte Altersgruppe der Nutzer:innen 18- bis 24-jährige, gefolgt von den 25- bis 35-Jährigen. Wie Letterboxd das schafft? Mit einem auffälligen Social-Media-Auftritt.
Die Instagram-Seite hat über drei Millionen Follower:innen und punktet mit Videos, in denen die größten Filmstars vorkommen. Besonders beliebt: Die Reihe „Four Favourites“, in der die bekanntesten Schauspieler:innen und Filmschaffenden während Promo-Interviews oder auf dem roten Teppich ihre vier Lieblingsfilme benennen müssen.
Regelmäßig gehen diese Clips viral. Über eine Million Aufrufe sind fast schon die Norm geworden. „Die Leute [Interviewpartner:innen] regen sich richtig auf, weil es aus irgendeinem Grund nicht so einfach ist wie bei drei und nicht so offen wie bei fünf. Es geht zwar nicht um Leben und Tod, aber es steht trotzdem einiges auf dem Spiel“, erklärte Aaron Yap, Leiter der Social-Media-Abteilung, 2025 in einem Interview mit „The Spinoff“.
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Letterboxd-User präsentieren ihre vier Lieblingsfilme genauso auf ihrem Profil. Wie eine Visitenkarte. Durch das Instagram-Format haben die Fans eine direkte Verbindung zu ihren Lieblingsstars.
„Das fasst zusammen, wer du als Letterboxd-Mitglied bist und wer du als Filmfan bist“, sagt Yap, Leiter der Social-Media-Abteilung von Letterboxd.
Wie Letterboxd wieder mehr Menschen ins Kino bringt
Die Popularität des sozialen Netzwerks sorgt für einen Film-Hype bei jungen Menschen – der sich auch in den Kinosälen bemerkbar macht. In den USA, in denen die meisten Letterboxd-User aktiv sind, gehen laut einer Umfrage von „Octane Seating“ beispielsweise ein Drittel der Gen Z mehrmals im Monat ins Kino. Millenials (17 %), die Gen X (12 %) und Baby Boomer (6 %) sorgen wesentlich seltener für das Klingeln an der Kinokasse. Die Besucherzahlen sind weltweit in den letzten Jahren zurückgegangen, allen voran wegen der Corona-Pandemie und dem rapiden Anstieg von Streaming-Diensten.
Die Anzahl der Kinobesuche stagnierte schon in den 2010ern, da Netflix & Co. für viele Menschen eine bequeme Alternative auf der Couch darstellte. Mit der Corona-Pandemie brach die Anzahl der Besuche dann so richtig ein. Europa zählte 2019 1,13 Milliarden Kinobesucher:innen, im ersten Corona-Jahr 2020 samt mehrerer Lockdowns nur noch 339 Millionen.
Auch wenn sich die Werte mittlerweile erholt haben, zeigt die erneut sinkende Kurve (2023: 858 Millionen, 2025: 796 Millionen), dass das Vor-Corona-Niveau noch nicht wieder erreicht wurde – und die Kinos jede Hilfe benötigen können.
Gerade da kann der Hype um Letterboxd vor allem bei den jungen Leuten, der zukünftigen Generation von Kinogänger:innen, eine wichtige Rolle spielen.
„Letterboxd besetzt diese wirklich interessante Nische zwischen Filmstudios, Filmemachern und der Community und bringt Menschen auf einzigartige Weise zusammen“, betonte Co-Gründer Buchanan gegenüber dem Branchenblatt „Variety“.
Das ist auch Ende 2024 geschehen, als der Indie-Film „The Brutalist“ erschien und für einen der erfolgreichsten Starts in ausgewählten Kinos in den USA sorgte. Denn: Fast die Hälfte des Publikums hatte laut „Deadline“ über Letterboxd von dem Film erfahren. Es sind Geschichten wie diese, die zeigen, dass das die Plattform nicht nur Online, sondern auch in den Kinos einen großen Effekt haben kann.
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