Seit dem 16. Juli läuft Christopher Nolans „Die Odyssee“ in den deutschen Kinos. Der Film erzählt nicht nur Homers berühmten Mythos neu. Nolans Odyssee lässt sich auch politisch lesen: als Kritik an der Doppelmoral des Westens. Die USA und ihre Verbündeten führen Kriege oft im Namen von Demokratie und Menschenrechten. Dabei setzen sie sich immer wieder über das Völkerrecht hinweg. In Nolans „Odyssee“ sind es die Griechen, die ihre eigenen Regeln brechen, um zu rauben und ihre Macht auszubauen. Am Ende müssen sie erkennen, dass nicht ihre Feinde die größten Barbaren sind, sondern sie selbst.
Ob Christopher Nolans Die Odyssee an frühere Filme des Kultregisseurs herankommt, sei mal dahingestellt. An der Oberfläche erzählt der Film die bekannte Geschichte von Odysseus, dem Ende des Trojanischen Kriegs und seinen anschließenden Irrfahrten durch die Meere – that’s it.

Einen besonderen erzählerischen Clou, wie in Inception oder Tenet, gibt es diesmal nicht. Außer vielleicht, dass auch dieser Film wieder nicht chronologisch erzählt ist. Nolan hat seine nicht-lineare Erzählweise mittlerweile aber so virtuos perfektioniert, dass einem das Hin- und Herspringen zwischen Gegenwart und Rückblenden (und in einer Rückblende nochmal eine Rückblende) fast gar nicht auffällt.
Das Interessante an Die Odyssee ist vielmehr, dass man ihn als politischen Kommentar lesen kann – zur westlichen Außenpolitik der letzten Jahrzehnte. Achtung: Spoiler!
Helena war nur der Vorwand – Die wahren Gründe für den Krieg
Schon zu Beginn macht der Film klar: Der Trojanische Krieg hat mit Helena nur am Rande zu tun. Ja, Paris hat sie aus Spartas Königshaus entführt. Aber Nolans Odysseus durchschaut, dass Agamemnon das nur als Vorwand nutzt. In Wahrheit geht es um Trojas Reichtum und seine Handelsrouten. Helena liefert die moralische Rechtfertigung für einen Raubkrieg.
Das kommt uns bekannt vor. Auch in der Realität begründen Staaten ihre Kriege gerne moralisch. Die wahren Gründe für einen Krieg sind aber meist andere.
Bevor die USA 2003 in den Irak einmarschierten (ein Krieg, der ungefähr eine Million Menschenleben forderte), warnten sie: Der Irak hat Massenvernichtungswaffen und stellt eine Gefahr für die ganze Welt dar. Heute wissen wir, dass das eine Lügengeschichte war. In Wahrheit ging es um Öl und Macht.
Von genau dieser Heuchelei handelt Nolans Film. Er erzählt davon, was verloren geht, wenn Übereinkünfte und Regeln nur noch im Munde geführt werden.
Nolans Odyssee politisch interpretiert: Das Gastrecht als antike Version des Völkerrechts
Im Zentrum des Films steht ein Konzept, das Nolan „Zeus’ Gesetz” nennt: das Gastrecht. Die Idee ist: Wer an deine Tür klopft, bekommt Essen und Schutz. Egal, wer er ist. Denn jeder Fremde könnte ein Gott in Verkleidung sein.

In Nolans Film ist das Gastrecht das heiligste Gesetz der griechischen Zivilisation. Denn in einer Welt aus verstreuten Inseln, ohne zentrale Macht und ohne Polizei, ist dieses Gesetz das Einzige, was Fremde davon abhält, einander umzubringen.
Man kann das Gastrecht als antiken Vorläufer des Völkerrechts lesen: ein Regelwerk, das den Umgang zwischen Fremden ordnet. Wer es bricht, verletzt nicht bloß eine Vorschrift. Er zerstört die ganze regelbasierte Ordnung.
Mit dem Trojanischen Pferd brechen die Griechen ihre eigenen Regeln
Doch es sind die Griechen selbst, die dieses Gastrecht brechen – und zwar mit dem Trojanischen Pferd. In Nolans Odyssee ist es kein genialer Kriegstrick, sondern eine Perversion des Gastrechts. Odysseus verwandelt ein Geschenk – den heiligsten Akt seiner Kultur – in eine Waffe. Die Trojaner nehmen das Pferd auf, weil ihre Regeln es verlangen. Und genau das wird ihnen zum Verhängnis.

Was folgt, ist ein Massaker. Die Griechen plündern und zerstören eine ganze Stadt. Später sagt Odysseus über diesen Tabubruch, die Griechen hätten „alles verletzt, was je zwischen Menschen heilig war”. Er sieht ein, dass er mit dieser List zwar einen Krieg gewonnen, dabei aber eine ganze Zivilisation vergiftet hat. Weil er gezeigt hat, dass die Regeln nichts wert sind. Dass man sie brechen kann, wenn man stark genug ist.
Wie kalt diese List ist, zeigt die Figur des Sinon (gespielt von Elliot Page): Der einfache Soldat überbringt den Trojanern das Pferd im Glauben, es sei wirklich ein Geschenk. Man hat ihm dieselbe Lüge erzählt wie dem Feind – damit er sie glaubwürdiger verkauft. Sinon stirbt in der Überzeugung, auf der Seite der Guten zu stehen. Die Griechen belügen also nicht nur ihre Feinde, sondern auch die eigenen Leute.
Wir sind die Seevölker – Nolans Die Odyssee politisch gelesen
Bereits früh im Film wird eine Bedrohung genannt, die alle in Angst versetzt: die Seevölker. Marodierende Banden, die Küstenstädte überfallen. Niemand weiß, wer sie sind. Telemachus hält sie für Seemannsgarn, Sparta rüstet gegen sie auf.
Gleich auf ihrer ersten Station nach Troja plündern Odysseus’ Männer ein ungeschütztes Dorf. Der Dorfälteste hält sie für Seevölker. Eurylochus, Odysseus’ Stellvertreter, weist das verächtlich zurück: Sie seien Griechen – keine Barbaren. Er hätte auch sagen können: Wir sind der Westen. Wir sind die Guten.

Was die Männer wirklich sind, spricht im Film nur eine Figur offen aus: die Zauberin Kirke (gespielt von Samantha Morton). Ihr Blick verrät, dass sie unter Männern wie Odysseus’ Soldaten selbst schon gelitten hat. Sie verwandelt die Soldaten für ihre Kriegsverbrechen in Schweine. „Glaubst du, deine Befehle hätten ihre Natur geändert?”, fragt sie Odysseus. „Sie waren immer Schweine.”
Am Ende des Films stellt sich heraus: Es gibt keine fremde Macht. Die Seevölker sind die griechischen Soldaten selbst, die nach dem Fall Trojas durchs Mittelmeer ziehen und die Gewalt weitertragen, die sie dort entfesselt haben. Sie selbst sind es, vor denen sich alle fürchten. In der Schlüsselszene des Films sitzt Odysseus, verkleidet als Fremder, vor seiner Frau Penelope und muss sich diese bittere Wahrheit eingestehen. „Die Mauern Trojas niederzubrennen hieß, die ganze Welt niederzubrennen”, sagt er.
Irak, Libyen, Iran – Die Liste der westlichen Kriegsverbrechen ist lang
Ob man diese Konstellation eins zu eins auf die Gegenwart übertragen kann, muss jeder für sich entscheiden. Aber die Parallele drängt sich auf: Auch der Westen erzählt sich seit Jahrzehnten die Geschichte seiner eigenen Zivilisiertheit – und übersieht dabei, wie oft er selbst die Regeln gebrochen hat, deren Hüter er sein will.
Dabei produziert der Westen oft genau die Bedrohungen, vor denen er sich fürchtet: Der Sturz des sozialistischen iranischen Premierministers Mossadegh ebnete den Boden für die Machtergreifung der Mullahs. Der Angriff auf den Irak ermöglichte den Aufstieg des IS, usw.
Eine Zusammenfassung der Verbrechen, die die USA seit dem Zweiten Weltkrieg in Asien verübt haben, gibt’s hier. Hier außerdem eine Liste der illegalen Putsche und Geheimdienstoperationen der USA in Lateinamerika.
Sind die Götter nur eine Halluzination? – Athene als das schlechte Gewissen von Odysseus
Über den ganzen Film hinweg scheint Odysseus schon eine Ahnung von seinen Gräueltaten zu haben. Sie wird verkörpert von Athene, der Göttin der Weisheit, gespielt von Zendaya. Sie begleitet Odysseus durch den ganzen Film – stumm, beobachtend, manchmal vorwurfsvoll. Dabei könnte Athene auch nur eine Halluzination von Odysseus sein.

Denn gegen Ende sehen wir in einer Rückblende die Ermordung einer Priesterin in Troja. Auch sie wird gespielt von Zendaya. Was Odysseus jahrelang für göttlichen Beistand hielt, könnte die Erinnerung an eine Ermordete sein. Sein schlechtes Gewissen, das ihn als Göttin verkleidet verfolgt. Matt Damon beschreibt die Figur in einem Interview so: „Sie ist das, was er angerichtet hat, und sie lebt in seinem Kopf, wie sein Gewissen.”
Ob die Götter in Nolans Version wirklich existieren, lässt der Film offen. Doch wenn es keine Götter gibt, verändert sich die Deutung der gesamten Geschichte: dann sind Odysseus’ Irrfahrten keine göttliche Prüfung oder Rache – sondern sein Versuch, vor den eigenen Taten davonzulaufen.
Nolan sagt, Die Odyssee handelt von “Konsequenzen”
Man muss Die Odyssee von Nolan nicht politisch lesen. Man kann ihn auch einfach als Abenteuerepos genießen. Die hier vorgeschlagene Deutung ist eine von mehreren möglichen – und Nolan selbst hält sich mit tagespolitischen Aussagen bekanntlich zurück. „Der ganze Film handelt von Konsequenzen”, sagt er nur. Von Konsequenzen, die verzögert eintreten und die man gerne vergisst.
Aber wer den Film in diesem Sommer sieht – während der Westen mal wieder ein fremdes Land bombardiert, Waffen in alle Welt liefert, und über die Legitimität seiner Kriege streitet – wird eine Frage nur schwer abschütteln können: Was, wenn die Barbaren, vor denen wir uns fürchten, wir selbst sind?
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