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Genre Western-Filme & Politik// Bild: unsplash/Sangria Senorial

Genre Western-Filme & Politik// Bild: unsplash/Sangria Senorial

Cowboys, Revolver & Kapitalismus – Der Western zeigt, dass jede Ordnung auf Gewalt beruht

Victor Strauch von Victor Strauch
26. Juni 2026
in Filme, Kultur
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Was haben Western-Filme mit Politik zu tun? Auf den ersten Blick wenig. Der Western gilt Vielen als verstaubtes Genre für alte weiße Macho-Männer, die sich gerne als einsame Cowboys im Wilden Westen sehen. Doch damit tut man dem Western unrecht. Denn im Kern verhandelt das Genre die Grundfrage der politischen Philosophie: wie an einem Ort ohne Staat, Recht und Gesetz eine neue politische Ordnung entstehen kann – nämlich durch Gewalt.

Western-Filme & Politik// Bild: wikimedia/Luca Galuzzi/Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5
Western-Filme & Politik// Bild: wikimedia/Luca Galuzzi/Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5

Westernfilme führen vor Augen, dass politische Ordnungen immer durch Gewalt in die Welt kommen – egal, ob diese Ordnungen autoritär oder demokratisch sind. Man kann den Western mit Thomas Hobbes, Max Weber und sogar mit Karl Marx lesen. Für den amerikanischen Philosophen Robert B. Pippin ist der Western deshalb DAS politische Filmgenre schlechthin.

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1 Western handeln von der Entstehung politischer Ordnung
2 Wo kein Staat ist, beginnt der Western
3 Politik im Genre Western-Film: Wer darf töten – und wofür?
4 Der Held hat in der neuen Ordnung keinen Platz — und reitet deshalb in den Sonnenuntergang
5 Im Italowestern sind die “Helden” meist Opportunisten oder Getriebene
6 Politik im Genre Western-Filme – Marx und die ursprüngliche Akkumulation

Disclaimer: Pippins Thesen beziehen sich auf das Genre Western im Allgemeinen und auf ausgewählte Klassiker im Speziellen. Sie lassen sich nicht auf jeden Western übertragen. Natürlich gibt es Western-Filme, die plump, geschichtsvergessen oder einfach nur dumm sind. Die brutale Geschichte der Sklaverei klammern fast alle Western aus, genauso wie die Perspektive von Frauen. Pippin bezieht sich außerdem ausschließlich auf den klassischen amerikanischen Western – nicht auf den Italowestern.

Western handeln von der Entstehung politischer Ordnung

Aber der Reihe nach: Western spielen üblicherweise im Amerika des 19. Jahrhunderts. Also zu einer Zeit, als die USA gerade im Entstehen waren. Und genau hier zeigt sich, weshalb Westernfilme für die politische Philosophie so bedeutsam sind: Sie handeln von genau dem Zeitpunkt, an dem eine politische Ordnung entsteht. Das ist die These des amerikanischen Philosophen Robert B. Pippin. In seinem Buch “Hollywood Westerns and American Myth” beschreibt er drei Grundmotive des Westernfilms: die Gründungskrise des liberalen Staates, die Frage nach dem rechtmäßigen Gewaltmonopol, und die Unmöglichkeit, Ordnung allein durch Institutionen herzustellen.

Wo kein Staat ist, beginnt der Western

Pippins Argument baut auf einer simplen, aber entscheidenden Beobachtung auf: Der Western spielt nicht zufällig im amerikanischen Westen des 19. Jahrhunderts. Er spielt dort, weil das der Ort ist, wo der liberale Rechtsstaat noch nicht existiert. Es gibt noch keine funktionierende Justiz, kein verlässliches Gewaltmonopol und keine Gemeinschaft, die staatliche Autorität bereits internalisiert hätte. Der Western zeigt den Staat im Moment seiner Entstehung.

Western-Filme & Politik// Bild: unsplash/Jack Stapleton
Western-Filme & Politik// Bild: unsplash/Jack Stapleton

Das ist, in Bildern erzählt, Thomas Hobbes’ Naturzustand: eine Welt ohne Souverän, in der das Leben des Menschen, wie Hobbes schreibt, “einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz” ist. Klassische Western wie “Mein großer Freund Shane” (1953) von George Stevens oder “High Noon” (1952) von Fred Zinnemann machen das buchstäblich zum Thema: Die Handlung dreht sich um Siedler, die versuchen, auf rechtlosem Boden eine Gemeinschaft aufzubauen – und scheitern, solange niemand bereit ist, sie wirksam zu verteidigen.

Politik im Genre Western-Film: Wer darf töten – und wofür?

Westernfilme stellen dabei eine der fundamentalsten Fragen der politischen Philosophie: Wer darf legitim Gewalt anwenden, und warum? Laut Pippin verweisen Western auf ein Paradox, das jeder politischen Ordnung zugrunde liegt: Damit Recht und Ordnung entstehen können, braucht es jemanden, der außerhalb des Rechts handelt. Üblicherweise ist das die Figur des Cowboys. Er tötet, um eine Gesellschaft zu begründen, in der das Töten dann verboten wird.

Max Weber hat den modernen Staat einmal als jene Institution definiert, die das Monopol legitimer physischer Gewalt beansprucht. Der Western zeigt, dass dieses Monopol erkämpft werden muss.

Jedes politische System, egal ob autoritär oder demokratisch, basiert demzufolge auf Gewalt. Denn politische Ordnungen können überhaupt nur durch Gewalt – man könnte auch sagen durch ein Verbrechen – entstehen. Man denke an Revolutionen, Putsche oder Staatsstreiche. Am Anfang jeder Ordnung steht immer ein Akt, der nach den Maßstäben der alten Ordnung illegal war. In dem Theaterstück “Cinna” des französischen Dichters Pierre Corneille von 1643 gibt es ein Zitat, das dieses Paradox auf den Punkt bringt:

“Die Staatsverbrechen, die der Krone gelten, verzeiht der Himmel, wenn sie uns gelingen.”

Der Held hat in der neuen Ordnung keinen Platz — und reitet deshalb in den Sonnenuntergang

Der Western macht dieses Gründungsverbrechen so sichtbar wie kein anderes Genre. Doch die Gewalt, die nötig war, um Recht und Ordnung zu schaffen, hat in dieser neuen Ordnung keinen Platz mehr. Westernhelden bleiben deshalb meist allein – mit der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft ist ihre Figur unvereinbar.

Das zeigt sich besonders deutlich in John Fords “Der Mann der Liberty Valance erschoss” (1962), einem der philosophisch dichtesten Western überhaupt. Der Film dreht sich um die Frage, wer eigentlich die Zivilisation gebracht hat – der Mann mit dem Gesetz oder der Mann mit der Waffe. Fords Antwort ist ernüchternd: ohne den Mann mit der Waffe hätte der Mann mit dem Gesetz nichts erreicht. Und dennoch ist es der Jurist, der Karriere macht und Senator wird, während der Schütze vergessen wird und einsam stirbt. Damit benennt Ford dasselbe Paradox wie Pippin: Die Institutionen, die eine Gesellschaft zusammenhalten, verdanken ihre Existenz jemandem, den diese Gesellschaft nicht aufnehmen kann.

Auch in “Spiel mir das Lied vom Tod” (1968) von Sergio Leone, dem wohl bekanntesten Italo-Western überhaupt gibt es so eine Figur: Der namenlose Held, bekannt nur als “Mundharmonika”, hat von Anfang an kein Leben jenseits seiner Aufgabe – er existiert einzig, um Rache zu üben und dann zu verschwinden. Die neue Ordnung, die am Ende entsteht, ist nicht seine Welt. Deshalb sagt er am Ende, als Claudia Cardinale ihn mit dem Satz: “Sweetwater wartet auf dich”, zum Bleiben bewegen will, die berühmten Abschiedsworte: “Irgendeiner wartet immer”, und verschwindet.

Im Italowestern sind die “Helden” meist Opportunisten oder Getriebene

Der Italowestern, der in den 1960er Jahren vor allem durch Sergio Leone populär wurde, verhält sich zum klassischen Hollywood-Western wie eine Demontage zum Original. Wo Hollywood-Western die Gewalt des Helden eher rechtfertigen und mythologisieren, zeigt sie der Italowestern in all ihrer Brutalität. Die Helden sind keine moralischen Instanzen mehr, sondern Getriebene, Opportunisten oder schlicht Überlebende.

Das hat auch eine politische Dimension: Entstanden im Italien der Nachkriegszeit, mit seiner starken Linken und seiner Skepsis gegenüber amerikanischen Mythen, steckt im Italowestern oft eine implizite Kapitalismuskritik – Eigentum entsteht durch Betrug und Gewalt, nicht durch Leistung. Leone, aber auch Sergio Corbucci mit “Django” (1966) oder “Leichen pflastern seinen Weg” (1968), erzählen Geschichten, in denen am Ende niemand mit sauberen Händen dasteht. 

Politik im Genre Western-Filme – Marx und die ursprüngliche Akkumulation

Man kann das Genre Western auch mit Karl Marx interpretieren – als die Geschichte der ursprünglichen Akkumulation. Am Ende seines Hauptwerks “Das Kapital” beschreibt Marx, wie sich die herrschende Klasse ursprünglich Land und Produktionsmittel angeeignet, und wie sie die Rechtsverhältnisse des bürgerlichen Staates durchgesetzt hat: durch Gewalt, nicht durch freien Handel. Gewalt war die Bedingung, unter der Privateigentum und Markt überhaupt erst entstehen konnten. Marx nennt das explizit ein Verbrechen – und meint damit strukturell genau dasselbe wie Pippin.

Western-Filme & Politik// Bild: unsplash/Cemrecan Yurtman
Western-Filme & Politik// Bild: unsplash/Cemrecan Yurtman

Der Western spielt in jenem historischen Moment, in dem diese ursprüngliche Akkumulation auf amerikanischem Boden stattfindet: Die Landnahme des Westens ist buchstäblich die Vertreibung der indigenen Bevölkerung und die Durchsetzung von Eigentumsrechten durch bewaffnete Männer. Der Held, der “Ordnung schafft”, schafft dabei immer auch Eigentumsverhältnisse – er sichert die Ranch, die Eisenbahn, die Stadt. Dass das zugleich Raub ist, zeigen Westernfilme manchmal. Meistens verdrängen sie es.

Der Unterschied zwischen Pippin und Marx liegt im Blickwinkel: Pippin liest den Western als Staatsphilosophie, Marx würde ihn als Kapitalismuskritik lesen. Pippin fragt nach der politischen Legitimität von Ordnung, Marx nach ihrer ökonomischen Funktion. Aber beide kommen zum selben Gründungsparadox – dass das, was als Recht erscheint, auf etwas Rechtslosem sitzt. So werden Western-Filme zum zutiefst politischen Genre – Kino, das von der Entstehung der Politik selbst erzählt.

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Tags: FilmgenreGenreGewaltKarl MarxMax WeberPolitikpolitische PhilosophieRobert B. PippinThomas HobbesWesternWesternfilme

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