Du kennst Coachella und den Burning Man, wo pro Wochenende rund 200.000 feierwütige Fans hin pilgern. Bei der riesigen Auswahl an Festivals weltweit ist für jeden Geschmack etwas dabei: vom entspannten Campen auf der Wiese bis zum Ballern vor der Boxenwand.
Doch es gibt Festivals, die abgedrehter sind als alles, was du je gesehen hast. Zum Beispiel in West Virginia, wo der Mothman, ein Monster mit roten Augen, gefeiert wird. Oder in Colorado, wo ein tiefgekühlter Norweger posthum zum Festivalmaskottchen wurde.
Mothman Festival: Ein Monster, eine einstürzende Brücke und Richard Gere
Point Pleasant in West Virginia hat etwas, wovon viele Tourismusverbände träumen: einen eigenen Monster-Mythos! Und zwar Mothman, eine geflügelte Gestalt mit roten Augen, deren Legende auf Sichtungen aus den 1960er-Jahren zurückgeht. Das jährliche Mothman Festival findet jedes dritte Septemberwochenende in Point Pleasant statt und feiert genau diese lokale Horrorstory.
Die Legende begann 1966 mit Berichten über Sichtungen eines geflügelten Wesens mit roten Augen und wurde später mit dem Einsturz der Silver Bridge, bei dem 46 Menschen starben, in Verbindung gebracht.
John Keels Buch „The Mothman Prophecies“ machte den Stoff 1975 bekannt, 2002 folgte die Verfilmung mit Richard Gere und Laura Linney. Seitdem gehört Mothman zur Stadt wie das Ortsschild – nur mit mehr Merch. 2025 zog das Mothman Festival rund 32.000 Besucher:innen an.
Was daraus entstanden ist, klingt wie ein Klassentreffen zwischen Akte-X-Fans und Gothic-Kindergeburtstag. Es gibt Foodtrucks, Merch, Cosplay, Speaker und natürlich jemanden, der viel zu ernst über ein Wesen spricht, das nie existiert hat.
Roswell UFO Festival: Der UFO-Mythos als Wirtschaftsfaktor
Das Roswell UFO Festival knüpft an einen Mythos an, der 1947 begann. 1947 fiel in der Wüste von New Mexico etwas vom Himmel. Trümmer, die nach Meinung vieler nur eines sein konnten: ein abgestürztes UFO. Die US-Armee meldete den Fund zunächst als „flying disc“, und stufte ihn kurz darauf als Wetterballon ein.
Spätere Untersuchungen der US Air Force führten den Vorfall auf Project Mogul zurück, ein geheimes Ballonprogramm aus der Zeit des Kalten Krieges. Die Stadt hat aus dem Zwischenfall mittlerweile ein touristisches Ökosystem gebaut. Zum 75. Jahrestag des Roswell Incident brachte das UFO-Festival 2022 mehr als 40.000 Besucher:innen nach Roswell und hatte einen direkten wirtschaftlichen Effekt von 2,19 Millionen Dollar.
Wie ein Alien-Meme die Behörden ins Schwitzen brachte
Wie stark UFO-Mythen bis heute ziehen, zeigte 2019 ein Internetphänomen, das unter dem Namen „Storm Area 51“ bekannt wurde. Gestartet hatte das Ganze Matty Roberts aus Kalifornien – nicht als echtes Festival, sondern als satirisches Facebook-Event mit der Idee, gemeinsam die streng abgeschirmte Militärbasis Area 51 in Nevada zu „stürmen“ und dort angeblich versteckte Aliens zu befreien.
Mehr als zwei Millionen Menschen klickten online auf „Zusagen“. Die US Air Force warnte öffentlich davor, militärisches Sperrgebiet zu betreten, und die umliegenden Wüstenorte mussten plötzlich damit rechnen, dass aus einem Meme ein echtes Problem wird.
Am Ende wurde Area 51 natürlich nicht gestürmt. Stattdessen versuchten einige Beteiligte, den Hype in legale Veranstaltungen umzuleiten. So entstand unter anderem Alienstock in Rachel, Nevada – ein Alien-Event, das aus dem viralen Facebook-Witz herauswuchs, aber deutlich kleiner ausfiel, als der Internet-Hype vermuten ließ.
Aus Millionen Online-Zusagen wurden vor Ort keine Menschenmassen, sondern vor allem Neugierige, Meme-Tourist:innen und ein paar sehr überzeugte UFO-Fans in der Wüste. Mit dem Roswell UFO Festival hatte das organisatorisch nichts zu tun.
Frozen Dead Guy Days: Ein tiefgekühlter Opa als Partygrund
Frozen Dead Guy Days ist ein Festival in Colorado, das auf eine Geschichte zurückgeht, die selbst für amerikanische Kleinstadtfolklore ungewöhnlich ist. Der Star des Festivals: Bredo Morstøl, ein Norweger, der 1989 mit 89 Jahren an einem Herzleiden starb. Morstøl war kein Prominenter, sondern ein ehemaliger Direktor für Parks und Erholung im norwegischen Bærum County.
Berühmt wurde Morstøl erst nach seinem Tod. Seine Tochter und sein Enkel glaubten an Kryonik. Dabei werden menschliche Körper bei extrem niedrigen Temperaturen konserviert, in der Hoffnung, sie vielleicht irgendwann wiederbeleben zu können. Deshalb ließen sie seinen Körper in die USA bringen. Zunächst wurde er in der Trans-Time-Einrichtung in Kalifornien gelagert, wo er mehrere Jahre in flüssigem Stickstoff konserviert wurde.
1993 kam Morstøl nach Nederland in Colorado, weil sein Enkel Trygve Bauge dort eine eigene Kryonik-Einrichtung aufbauen wollte. Der Plan blieb unfertig. Aus der professionellen Zwischenlösung in Kalifornien wurde eine improvisierte Lagerung in einem Schuppen – gekühlt mit Trockeneis.
Als Bauge wegen eines überzogenen Visums aus den USA abgeschoben wurde und die Behörden von dem konservierten Körper erfuhren, wurde aus der privaten Familienentscheidung ein lokaler Streitfall. Die Stadt Nederland verbot die Lagerung menschlicher und tierischer Körper auf Privatgrundstücken, machte für Morstøl aber eine Ausnahme. Damit war „Grandpa Bredo“ endgültig mehr als ein toter Mann im Eis: Er wurde zur absurden Sonderregel einer Kleinstadt.
Vom Schuppen ins Kryonik-Museum
Sein Körper lag weiter in dem Schuppen und wurde ab 1995 von Bo Shaffer betreut, der in der Stadt bald als „The Iceman“ bekannt war. Er organisierte regelmäßig Trockeneis und sorgte dafür, dass die Konservierung weiterlief.
2002 machte die Stadt daraus ein Festival. Die Idee kam aus der lokalen Handelskammer und sollte in der ruhigen Wintersaison Besucher:innen in die Bergstadt bringen. Frozen Dead Guy Days begann mit Sarg-Rennen, Kostümen und Musik.
Nach logistischen Problemen in Nederland wurde das Festival 2022 verkauft und nach Estes Park verlegt – ausgerechnet an das Stanley Hotel, jenes berühmte Haus, das Stephen King zu The Shining inspirierte. Im August 2023 zog auch „Grandpa Bredo“ nach 30 Jahren im Schuppen um. Er ruht nun nicht mehr improvisiert auf Trockeneis, sondern in flüssigem Stickstoff im „International Cryonics Museum“ des Hotels. Seitdem finden auch die Frozen Dead Guy Days in Estes Park statt.
Mike the Headless Chicken Festival: Party für einen kopflosen Hahn
In Fruita, Colorado, wird ein Hahn gefeiert, der 1945 eigentlich geschlachtet werden sollte. Mike, ein junger Wyandotte-Hahn, überlebte den Axthieb, weil offenbar Teile des Hirnstamms und eine Vene intakt blieben. Statt Minuten lebte er noch rund 18 Monate weiter, wurde mit Flüssigkeit und Futter über die Speiseröhre versorgt und später als „Miracle Mike“ in Sideshows vorgeführt – also als Jahrmarktattraktion für zahlendes Publikum.
Die Geschichte wurde damals unter anderem vom LIFE-Magazine aufgegriffen und ist bis heute der Grund, warum der Ort Fruita jedes Jahr ein Festival für ein kopfloses Huhn veranstaltet. Das Festival findet im Mai statt und verbindet die Geschichte von „Miracle Mike“ mit Musik, einem Wettlauf, Essen, Merch und Familienprogramm.
Aus einem missglückten Schlachtversuch wurde eine Stadttradition. Fruita feiert bis heute keinen erfundenen Mythos, sondern einen dokumentierten Ausnahmefall: einen Hahn, der nach allen Regeln der Medizin gar nicht hätte weiterleben dürfen.
Emma Crawford Coffin Races: Einmal mit dem Sarg durch die Stadt
In Manitou Springs, Colorado, wird jedes Jahr eine Geschichte gefeiert, die irgendwo zwischen Lokaltragödie und Halloween-Wahnsinn liegt. Die Hauptfigur heißt Emma Crawford. Sie kam 1889 in die Stadt, mit der Hoffnung, dass die Bergluft und das trockene Klima ihre Tuberkulose lindern könnten. Doch die Krankheit war stärker als der Kurort-Optimismus. Crawford starb 1891, nur wenige Jahre nach ihrer Ankunft. Ihr letzter Wunsch: Sie wollte auf dem Red Mountain begraben werden.
Laut der lokalen Überlieferung trug ihr Verlobter Wilhelm Hildenbrand, ein Bauingenieur der Pikes Peak Cog Railway, Crawfords Sarg gemeinsam mit elf weiteren Stadtbewohnern den Red Mountain hinauf und beerdigte. Crawford lag dort nicht auf einem geschützten Friedhof, sondern auf einem Berg, wo Schnee, Regen und Erosion das Grab über Jahre beschädigten. 1929 war es dann so weit. Ihr Sarg löste sich vom Hang und rutschte ins Tal. Die Kinder des Ortes fanden später einzelne Überreste wie Sarggriffe, eine Namensplatte und einige Knochen.
Aus dieser makabren Lokalgeschichte machte die Handelskammer von Manitou Springs 1995 die Emma Crawford Coffin Races, ein Halloween-Festival mit Sarg-Rennen durch die Stadt. Teams bauen dekorierte Särge auf Rädern, eine Person übernimmt die Rolle der toten Emma, vier „Trauernde“ schieben den Sarg über eine rund 180 Meter lange Strecke durch die Manitou Avenue, die Hauptstraße der Stadt. Am Ende zählt nicht nur, welches Team am schnellsten ist. Die Veranstalter:innen vergeben auch Preise für den besten Sarg, das beste Kostüm und die beste Entourage.
Laut offizieller Festival-Seite kommen mehr als 10.000 Zuschauer:innen nach Downtown Manitou Springs, viele davon selbst verkleidet. 2025 traten laut dem lokalen Sender KKTV rund 60 Teams an. 2026 diskutierte die Stadt bereits über zusätzliche Sicherheitsregeln. Denn aus dem skurrilen Sarg-Rennen ist längst ein Großevent geworden. Die Stadt rechnet bei den Coffin Races mit rund 8.000 bis 15.000 Besucher:innen.
- Ben
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