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Warum Campen glücklich macht

Bild: Unsplash

Campen macht aus weniger mehr: Das überraschende Glück der gezielten Verwahrlosung

Elisabeth Bendl von Elisabeth Bendl
29. Juli 2026
in Lifestyle
0

Camping boomt – obwohl Menschen dabei freiwillig auf Platz, Privatsphäre und Komfort verzichten. Zwischen Gemeinschaftsdusche, Sand im Bett und Kaffeegenuss vor dem Zelt entsteht eine Form von Luxus, die in einer Welt der Selbstoptimierung selten geworden ist: nicht perfekt aussehen, nicht ständig leisten und nicht dauernd funktionieren zu müssen. Studien bringen Camping mit Erholung, Naturverbundenheit und sozialem Wohlbefinden in Verbindung. Vielleicht macht Campen aber auch deshalb glücklich, weil gezielte Verwahrlosung das Leben für ein paar Tage erstaunlich einfach werden lässt.

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1 Campingboom: Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben
2 Camping zwischen Zelt und Luxuswohnmobil
3 Einfach leben beim Camping: Wenn ein Klappstuhl genügt
4 Warum Camping glücklich macht: Was die Forschung sagt
5 Gezielte Verwahrlosung beim Camping: Sauber genug ist genug
6 Gemeinschaft auf dem Campingplatz
7 Camping ist nicht gleich Camping
8 Erholung beim Camping: Raus aus dem Müssen
9 Vanlife zwischen Freiheit und Selbstoptimierung
10 Warum Campen glücklich macht: Die Erlaubnis, unperfekt zu sein

Hundert Quadratmeter Wiesenplatz, rund fünf Quadratmeter zum Schlafen, Dusche mit zig anderen Menschen teilen und um sechs Uhr früh meterweit über den Platz zum WC laufen müssen: Im Alltag würde man sich über diese Zustände beschweren – im Urlaub sind genau diese “Zustände” erholsam. Freiwilligen Komfortverzicht nennt man das. Oder auch: Campen.

Freundliche Nachbarn auf engstem Raum – beim Campen ist das Leben einfach entspannter. Foto: queerbeet/Getty Images
Freundliche Nachbarn auf engstem Raum – beim Campen ist das Leben einfach entspannter. Foto: queerbeet/Getty Images

 

Auf dem Campingplatz ist nicht nur der gewohnte Komfort überschaubar, auch die eigenen Ansprüche werden es: Die Frisur muss nicht sitzen, das T-Shirt hält noch einen weiteren Tag durch und ein bisschen Sand im Bett gilt irgendwann nicht mehr als Problem. An diesem Punkt beginnt die gezielte Verwahrlosung – und auch die eigentliche Erholung. Dass diese Art des Urlaubens seinen Reiz haben muss, belegen auch die Zahlen.

Campingboom: Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben

Seit Mitte der 2010er-Jahre steigt das Interesse am Urlaub unter freiem Himmel stetig. Eine Auswertung von Eurostat zeigt: 2025 wurden auf Campingplätzen sowie Wohnmobil- und Caravanstellplätzen in der EU rund 413 Millionen Übernachtungen gezählt – um 28,5 Prozent mehr als 2015. Die Pandemie hat dem bereits bestehenden Trend zusätzlichen Schub gegeben. Im Jahr 2020 wurden europaweit rund 235.000 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen – laut European Caravan Federation das zweitbeste Ergebnis seit Beginn der Aufzeichnungen.

Camping zwischen Zelt und Luxuswohnmobil

Campen gibt es in allen Variationen: vom kleinen Zelt, in dem man sich im Schlafsack ausschließlich um die eigene Achse drehen kann, bis zum Luxus-Lkw mit Badezimmer, Doppelbett und Porsche in der Heckgarage. Dazwischen findet man sämtliche Facetten an Wohnmobilen und Wohnwägen – die kleine Freiheit für fünf oder sechs Urlaubswochen im Jahr.

Familien bauen ihre 5-Mann-Zelte auf, Pensionisten fahren als „Hilde und Geri on Tour“ quer durch Europa und Aussteiger:innen leben ganzjährig im ausgebauten VW-Bus. Auf dessen Karosserie steht dann meist ein Spruch über Freiheit, Abenteuer oder das Leben außerhalb der Komfortzone.

So unterschiedlich die Fahrzeuge und ihre Ausstattung auch sein mögen, die Wünsche dahinter ähneln einander. Das zeigt eine ADAC-Onlinebefragung aus dem Jahr 2023. Von den 5.164 in Deutschland Befragten hatten 21 Prozent seit 2019 einen Campingurlaub mit mindestens drei Übernachtungen unternommen oder planten einen solchen für die folgenden zwei Jahre. Hochgerechnet ergab das rund 15 Millionen campinginteressierte Menschen in Deutschland. Als wichtigste Motive nannten sie das Abschalten vom Alltag, Naturerlebnisse und das Gefühl von Freiheit. Und dieses Gefühl beginnt oft bereits beim Packen.

Der Wunsch nach einem einfachen Leben auf Zeit - ohne Annehmlichkeiten lebt es sich zumindest im Urlaub leicht. Foto: pexels-bonfire
Der Wunsch nach einem einfachen Leben auf Zeit – ohne Annehmlichkeiten lebt es sich zumindest im Urlaub leicht. Foto: pexels-bonfire

Einfach leben beim Camping: Wenn ein Klappstuhl genügt

Selbst wer das Auto bis obenhin vollpackt, braucht am Ende oft nur einen Bruchteil davon wirklich: ein Schlafsack, einen Tisch, zwei Sessel, einen Gaskocher und im besten Fall eine gut gefüllte Kühlbox.

Es lebt sich auch mit Minimalismus gut. Vor allem dann, wenn man vor dem Wohnwagen sitzt, die Gelsenkerze brennt und eine Flasche Bier, Rot- oder Weißwein geöffnet wird. Der nächste geplante Termin ist das Zähneputzen. Und selbst das lässt sich noch ein wenig hinauszögern.

Am Morgen gibt es Kaffee mit Blick auf Berge, See oder Meer. Manchmal auch nur auf den Nachbarcamper, der seine Satellitenschüssel ausrichtet. Dazu Vogelgezwitscher, Kinderlachen und Nachwuchs, den man den ganzen Tag kaum sieht und der erst zur Essenszeit wieder auftaucht. Paare erledigen nebeneinander den Abwasch – oder verhandeln zumindest erstaunlich friedlich darüber, wer abwäscht und wer abtrocknet.

Luxus bedeutet hier, wie wenig man zur eigenen Zufriedenheit braucht.

Warum Camping glücklich macht: Was die Forschung sagt

Dass Camper tatsächlich häufiger von Wohlbefinden berichten, zeigt der britische „Outjoyment Report“. In der 2022 durchgeführten Befragung gaben Camper im Vergleich zu Nicht-Campern höhere Werte beim psychischen, emotionalen und sozialen Wohlbefinden, weniger Stress und eine stärkere Naturverbundenheit an. Besonders regelmäßige Camper schnitten gut ab. Als wesentliche Faktoren nennt der Bericht Naturerlebnisse, Erholung, Bewegung und die gemeinsame Zeit mit anderen Menschen.

Die Studie beweist allerdings nicht, dass Camping automatisch glücklich macht. Es handelt sich um eine selbst ausgewählte britische Stichprobe mit deutlich mehr Campern als Nicht-Campern. Sie zeigt einen Zusammenhang, aber keine eindeutige Ursache. Möglich wäre schließlich auch, dass besonders zufriedene, naturverbundene oder kontaktfreudige Menschen häufiger campen.

Campen macht also nicht nachweislich glücklich.

Es schafft aber offenbar Bedingungen, unter denen Menschen leichter zur Ruhe kommen: weniger Besitz, weniger Termine, mehr Natur und unmittelbar bewältigbare Aufgaben.

Sieben Sachen packen und mit dem Camper durch die Welt fahren - diese Erfahrung wollen immer mehr Menschen erleben. Foto: halbergman/Getty Images
Sieben Sachen packen und mit dem Camper durch die Welt fahren – diese Erfahrung wollen immer mehr Menschen erleben. Foto: halbergman/Getty Images

 

Gezielte Verwahrlosung beim Camping: Sauber genug ist genug

Es ist beim Campen immer irgendwie schmutzig.

Sand oder Erde finden sich im Zelt, im Wohnwagen und irgendwann auch im Bett. Die Füße sind nur für wenige Minuten wirklich sauber – meistens genau zwischen dem Abduschen und dem ersten Schritt zurück auf den Boden. Auch die Haare entwickeln irgendwann ein Eigenleben. Der Drei-Tage-Bart stört niemanden, und das T-Shirt von gestern kann durchaus noch einmal getragen werden. Es hat schließlich keine sichtbaren Flecken. Was einen zu Hause nervös machen würde, verliert hier erstaunlich schnell an Bedeutung. Am Campingplatz gilt ein anderer Reinheitsbegriff: sauber genug.

Damit beginnt die eigentliche Verwahrlosung allerdings nicht bei den Haaren oder den Füßen, sondern bei den Ansprüchen. Man muss sich nicht ständig überprüfen, ob das eigene Erscheinungsbild den Erwartungen entspricht. Es reicht, halbwegs gesellschaftsfähig zum Waschhaus zu gelangen.

Eine eigene Studie dazu gibt es freilich nicht. Vielleicht tut Camping aber auch deshalb gut, weil vertraute Maßstäbe für einige Tage ihre Bedeutung verlieren. Wer nicht perfekt aussehen muss, hat plötzlich mehr Zeit, einfach nur da zu sein.

Gemeinschaft auf dem Campingplatz

Auch gesellschaftliche Unterschiede scheinen am Campingplatz zumindest vorübergehend weniger wichtig zu werden. Der Beruf spielt keine große Rolle, solange jemand weiß, wie man einen Wohnwagen rückwärts in eine Parzelle bekommt.

Es wird geplaudert, Werkzeug verliehen und beim Rangieren geholfen. Man leiht Heringe, Hammer, Verlängerungskabel oder Flaschenöffner und erklärt geduldig, warum der Stromanschluss nicht funktionieren könnte. Vielleicht liegt diese Hilfsbereitschaft daran, dass früher oder später alle einmal Hilfe brauchen. Spätestens beim ersten Gewitter ist ohnehin jede Überheblichkeit vorbei.

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Auch der „Outjoyment Report“ nennt soziale Beziehungen als einen möglichen Faktor des Campingglücks. Camping schaffe Gelegenheiten, Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsame Erinnerungen entstehen zu lassen.

Mehr muss die Studie an dieser Stelle gar nicht erklären. Wer einmal versucht hat, allein ein Vorzelt bei Sturm aufzubauen, weiß, wie schnell Gemeinschaft entstehen kann.

Die Siebträgermaschine wird im Urlaub schon mal durch den Camping-Gaskocher ersetzt. Foto: stocksnap-portable
Die Siebträgermaschine wird im Urlaub schon mal durch den Camping-Gaskocher ersetzt. Foto: stocksnap-portable

Camping ist nicht gleich Camping

Ganz stimmt die romantische Vorstellung von der großen Campinggemeinschaft, bei der alle gleich sind, natürlich nicht.

Auf Stellplatz 315 steht das Familienzelt mit zwei Schlafkabinen, Kühlbox und Campingstühlen vom Diskonter. Auf Stellplatz 316 parkt das Luxuswohnmobil mit Fußbodenheizung, Badezimmer und Sportwagen im Heck.

Auch das einfache Leben hat verschiedene Preisklassen.

Doch die Gemeinsamkeiten treten stärker hervor als anderswo. Beide sitzen am Abend vor ihrem Gefährt, trinken etwas und hoffen auf eine ruhige Nacht ohne Gelsen, Sturm oder schnarchende Nachbarn.

Das Ziel ist ähnlich: draußen sein, abschalten und sich für eine Weile im Einklang mit der Natur fühlen. Auch wenn dieser Einklang mithilfe von Klimaanlage, drei Akkus und Satellitenanlage hergestellt wird.

Denn die Einfachheit des Campens bemisst sich nicht ausschließlich daran, wie wenig jemand besitzt. Sie zeigt sich vor allem darin, worauf sich das Leben für einige Tage reduziert.

Erholung beim Camping: Raus aus dem Müssen

Beim Campen gibt es durchaus genug zu tun. Wasser holen, Essen machen, abwaschen, Betten richten, die Markise befestigen oder den Mist wegbringen. Nur fühlt sich dieses Tun anders an.

Es geht nicht um Onlinemeetings, E-Mails oder darum, möglichst viel aus dem Tag herauszuholen. Man erledigt, was gerade notwendig ist. Der Teller ist schmutzig, also wird er abgewaschen. Die Sonne scheint, also setzt man sich hinaus. Das Kind ist verschwunden, also wartet man bis zur Essenszeit. Erfahrungsgemäß taucht es dann wieder auf.

Am Ende ist das Geschirr sauber, der Wassertank voll und die Markise hoffentlich noch da. Selten sind Aufgaben so überschaubar und ihre Ergebnisse so unmittelbar sichtbar. Genau darin könnte ein wesentlicher Teil der Erholung liegen. Das Leben wird für einige Tage nicht leichter, weil niemand mehr etwas tun muss. Es wird leichter, weil man sich immer nur um das kümmern muss, was gerade ansteht.

Ob Luxuswohnmobil oder Wohnwagen im Schuhschachtelformat - Campen liegt im Trend. Foto: memorycatcher-caravan
Ob Luxuswohnmobil oder Wohnwagen im Schuhschachtelformat – Campen liegt im Trend. Foto: memorycatcher-caravan

Vanlife zwischen Freiheit und Selbstoptimierung

Wer dieses einfache Leben einige Tage erlebt hat, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, ob man nicht immer so leben könnte. Mit sieben Sachen um die Welt reisen, morgens am Meer aufwachen und nebenbei ein bisschen auf Instagram influencen: „Schaut her, so frei ist mein Leben.“

Doch auch der Ausstieg kann schnell wieder zum Projekt werden. Die perfekte Route, der perfekte Van, der perfekte Sonnenuntergang. Selbst das einfache Leben lässt sich inszenieren, optimieren und vermarkten.

Damit kehrt genau jener Anspruch zurück, vor dem viele beim Campen eigentlich fliehen wollen: aus jedem Tag, jedem Ort und letztlich auch aus sich selbst das Beste herausholen zu müssen.

Die Sehnsucht hinter dem Vanlife bleibt trotzdem nachvollziehbar. Weniger besitzen, weniger Termine haben und weniger Erwartungen erfüllen. Für die meisten bleibt diese Freiheit auf einige Urlaubswochen beschränkt, was sie eventuell gerade deswegen so kostbar macht.

Warum Campen glücklich macht: Die Erlaubnis, unperfekt zu sein

Studien zeigen, dass Camper häufiger von Erholung, Naturverbundenheit und sozialem Wohlbefinden berichten. Sie können aber nicht beweisen, dass der Drei-Tage-Bart oder die begrenzten Schlafmöglichkeiten dafür verantwortlich sind.

Die These der “gezielten Verwahrlosung” ist dennoch plausibel, weil dieser Zustand bedeutet, für eine begrenzte Zeit jene Ansprüche abzulegen, die den Alltag kompliziert machen: perfekt aussehen, ständig erreichbar sein, alles im Griff haben und jeden Tag sinnvoll nutzen zu müssen.

Camping heißt daher nicht unbedingt, auf Luxus zu verzichten. Es bedeutet vielmehr, andere Dinge als luxuriös zu empfinden: den Kaffee unter freiem Himmel, die Kinder, die den ganzen Tag draußen sind, den Stellplatznachbarn, der beim Rangieren hilft, und das gute Gefühl, heute keine bessere Version seiner selbst werden zu müssen.

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Tags: auszeitcampercampingcamping-boomfreiheiturlaub

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