Seit Ausbruch des Irankriegs blieb der befürchtete Öl-Superschock mit extrem steigenden Ölpreisen aus – wegen China. Das Land drosselte seine Öl-Importe um rund 40 Prozent und lebt seither von seinen riesigen Vorräten, die es jahrelang angelegt hat. Doch Peking tat das nicht aus Nächstenliebe. Es sparte Geld und hielt die asiatischen Absatzmärkte stabil. Und noch ein anderes Motiv könnte dahinter stecken. Vieles spricht dafür, dass China den Ernstfall probte: einen Krieg mit den USA, in dem es von seinen Öl-Importen abgeschnitten wäre.
Seit dem Ausbruch des Irankriegs warnen Experten vor extrem hohen Preisen an den Tankstellen. Und tatsächlich wurde Tanken teuer wie nie. Der ganz große Schock blieb trotzdem aus. Manche Analysten hatten 200 Dollar pro Barrel für möglich gehalten. Gekommen sind aber „nur“ gut 126. Und das hat einen Grund: China.
Seit Beginn des Irankriegs hat China seine Öl-Importe um rund 40 % reduziert
Seit Kriegsbeginn hat China seine Öl-Importe um rund 40 Prozent gedrosselt. Das Land ist der größte Öl-Importeur der Welt. Wenn dieses Land innerhalb weniger Monate um 40 Prozent weniger Öl importiert als sonst, sinkt die globale Nachfrage enorm, was dafür sorgt, dass die Preise sinken.
Und genau das ist in den letzten Monaten passiert: Nachdem der Iran die Straße von Hormus gesperrt hat, brach das globale Öl-Angebot ein und die Preise an den Tankstellen stiegen. Doch weil China gleichzeitig viel weniger importierte, blieben die Preisanstiege hinter den apokalyptischen Befürchtungen. Damit bremste China den Ölpreisanstieg und verhinderte einen noch größeren Preisschock.
China kaufte jahrelang billiges Öl aus Russland & Iran
Möglich war das nur, weil China davor jahrelang Öl gehortet hat. Und zwar in Mengen, wie es wohl nur in einer Planwirtschaft möglich ist: Anfang 2026 lagen geschätzte 1,4 Milliarden Barrel in Chinas Lagern. Genug, um rund vier Monate lang sämtliche Importe zu ersetzen. Allein 2025 hat das Land im Schnitt rund eine Million Barrel pro Tag eingelagert und in hohem Tempo neue Lagerstätten gebaut. Über Jahre hat China dieses Öl billig eingekauft – vor allem von den vom Westen sanktionierten Staaten Russland und Iran.
Als der Irankrieg ausbrach und die Preise stiegen, kaufte Peking nicht teuer nach, sondern lebte vom eigenen Lager. Analysten der Société Générale nennen genau diesen Rückzug Chinas vom Markt die entscheidende Kraft, die den Ölpreis wieder ins Gleichgewicht brachte.
Warum macht China das?
Es gibt verschiedene Erklärungen, weshalb China das tat. Die Naheliegendste: Es rechnet sich. China kauft billig ein und lagert. Wenn der Preis steigt, lebt das Land vom Lager. Wenn er fällt, wird billig nachgekauft. Genau dieses Muster ist zu beobachten: Als der Ölpreis Ende Juni auf 70 Dollar fiel, zogen die Importe wieder an. Als er Richtung 90 kletterte, hielten sich die Raffinerien zurück.
Doch diese Erklärung hat einen Haken: China hat Ende Juni nicht so viel Öl nachgekauft, wie man erwarten würde. Obwohl der Ölpreis fiel, lagen die Importe im Juli noch immer rund ein Viertel unter dem Vorjahreswert. Ein Schnäppchenjäger hätte bei 70 Dollar kräftiger zugegriffen. Dazu kommt: Ein Teil des Anstiegs war gar kein Nachkaufen, sondern die Importe, die wegen der Sperre im Persischen Golf festhingen und verspätet ankamen.
Und das Auffälligste: Seine riesigen Lager hat China nicht wieder aufgefüllt. Wer nur aus Preisgründen pausiert, hortet beim nächsten Preistief sofort weiter. China tat das nicht.
Wollte China seine asiatischen Nachbarn vor einer Wirtschaftskrise schützen?
Die zweite Erklärung ist, dass China seine asiatischen Nachbarn vor hohen Ölpreisen schützen wollte: Japan, Südkorea und Indien zählen zu den wichtigsten Abnehmern chinesischer Waren. Sie hängen teilweise noch stärker am Golf-Öl als China selbst, haben jedoch keine Reserven im chinesischen Ausmaß. Ein Preisschock hätte dort eine Wirtschaftskrise auslösen können, die auf China zurückgeschlagen hätte. Tatsächlich hat Chinas Rückzug vom globalen Ölmarkt andere asiatische Länder entlastet.
Nur: China hat sich damit bislang nicht gebrüstet. Normalerweise lässt China keine Gelegenheit aus, sich als guter Nachbar zu präsentieren. Während der Corona-Pandemie etwa lieferte China Masken und Impfstoffe in unzählige Länder und inszenierte sich in seinen Staatsmedien als “Retter der Welt”. Ausgerechnet hier schwieg die chinesische Führung.
Es muss also noch einen anderen Grund geben, weshalb China seine Importe gedrosselt hat. Und dieser Grund liegt vermutlich nicht am Ölmarkt, sondern in der Geopolitik.
Probt China den Krieg mit den USA?
China hat ein strategisches Problem, das in Peking seit Jahrzehnten einen Namen hat: das Malakka-Dilemma. Rund zwei Drittel des in China verbrauchten Öls importiert das Land. Das meiste davon kommt per Schiff – und rund 80 Prozent davon durch die Straße von Malakka, eine enge Passage zwischen Malaysia, Singapur und Indonesien. Im Kriegsfall, etwa um Taiwan, könnte die US-Marine diese Passage sperren. Für Chinas Wirtschaft wäre das ein Desaster.
Deshalb hat Peking vorgesorgt: vor allem mit dem riesigen Lager, aber auch mit Pipelines aus Myanmar, Kasachstan und Russland, und mit Ausweichrouten über andere Meerengen. Nur ließ sich nie testen, ob dieses System im Ernstfall hält. Einige politische Beobachter vermuten, dass China diesen Test jetzt nachgeholt hat. Der Ölmarkt-Analyst Rory Johnston formuliert es so: Wie simuliert man eine Blockade von Malakka? Der plötzliche Ausfall von Hormus war das perfekte natürliche Experiment. Kann sich China vom seewärtigen Ölmarkt abkoppeln? Die Antwort, so Johnston, lautet: ja.
Nach dieser Lesart hat die Welt gerade Chinas Generalprobe für den Konfliktfall miterlebt – und nebenbei davon profitiert. Peking demonstrierte den USA, dass deren schärfste Waffe, die Seeblockade, stumpfer ist als gedacht. Dass dabei der Ölpreis für alle sank, war ein Nebeneffekt.
Beweisen lässt sich das alles nicht. Peking kommentiert seine Reservepolitik grundsätzlich nicht. Doch es wäre die Erklärung, die am wenigsten Fragen offen lässt.
China hat den Preisschock nur verschoben
Egal, welche Erklärung zutrifft: Ewig geht das nicht. Die kommerziellen Überschusslager sind laut dem Analysehaus Energy Aspects fast aufgebraucht. Übrig bleiben die staatlichen Reserven, die Peking allein für einen Test kaum antasten wird.
Irgendwann muss China zurück an den Markt und auffüllen. Die Société Générale warnt bereits: Wenn die Reserven wieder aufgestockt werden, könnte der Ölpreis wieder steigen. China hat den Preisschock also wohl nicht verhindert, sondern nur verschoben.
Journalismus unterstützen
Unabhängiger Journalismus braucht starke Unterstützer. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, freuen wir uns über einen direkten Beitrag für unsere Redaktion.









