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Henry Kissinger im Gespräch mit Ronald Reagan. Das Foto zeigt einen entspannten Moment zwischen dem früheren US-Außenminister und dem späteren US-Präsidenten. Wer war Henry Kissinger, wie verlief sein Leben und welche Verbrechen prägen sein politisches Vermächtnis?

Wiki Common | 6/10/1981 President meeting with Henry Kissinger in the residence

Eine Million Tote und trotzdem Friedensnobelpreis: Die zerstörerische Bilanz von Henry Kissinger

Gregor Metz von Gregor Metz
25. Juli 2026
in International, Politik
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Henry Kissinger war für den Tod von mindestens einer Million Menschen verantwortlich – trotzdem bekam er den Friedensnobelpreis. Als er vor knapp drei Jahren hundertjährig in seinem Haus in Connecticut starb, überschlugen sich George W. Bush, Olaf Scholz, Xi Jinping und Wladimir Putin mit ehrfurchtsvollen Nachrufen. Über Kissingers Kriege sprach kaum jemand. Wer sich das Lebenswerk der wohl einflussreichsten außenpolitischen Figur der Nachkriegszeit anschaut, versteht schnell: Seine Freundschaften sagen mehr über die Machtpolitik des Westens aus als über den Mann, dem sie galten.

 

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Lebenslauf: Henry Kissinger
Frühe Jahre und politikwissenschaftliche Ausbildung
Bomben über Kambodscha und Laos
Die Roten Khmer als nützliche Partner
Kissingers Verbrechen im Überblick
Nähe zu autoritären Regimen
Die Freunde Kissingers
Das Vermächtnis von Henry Kissinger

Lebenslauf: Henry Kissinger

  • 27. Mai 1923: Geboren in Fürth, Deutschland, als Kind jüdischer Eltern
  • 1938: Emigration in die USA nach dem Erstarken des Nationalsozialismus
  • 1943–1946: Dienst im US-Geheimdienst gegen Nazi-Deutschland
  • 1954: Promotion in Politikwissenschaft (Harvard)
  • 1968: Nationaler Sicherheitsberater unter Richard Nixon
  • 1969–1973: Architekt der Geheimbombardierungen in Kambodscha und Laos
  • 1973: Verleihung des Friedensnobelpreises (für das Pariser Abkommen zu Vietnam)
  • 1973–1977: Außenminister unter Nixon und Gerald Ford
  • 29. November 2023: Gestorben im Alter von 100 Jahren

Frühe Jahre und politikwissenschaftliche Ausbildung

Aber alles der Reihe nach: Kissinger kam im Mai 1923 in Fürth (Deutschland) auf die Welt. Als Kind jüdischer Eltern musste er 1938 in die USA fliehen, für die er von 1943 bis 1946 als Geheimdienstmitarbeiter gegen die Nazis im Einsatz war.

1968, nach seinem Doktor in Politikwissenschaft, löste er sein Ticket zur Machtzentrale mit einer Entscheidung, die der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson intern als „Hochverrat“ bezeichnete: Als geheimer Informant spionierte Kissinger die Pariser Friedensverhandlungen aus und spielte sensible Insider-Infos an das Wahlkampfteam von Richard Nixon weiter.

Nixon behinderte mit diesem Wissen die Friedensgespräche und verlängerte so den Vietnamkrieg. Der Frieden platzte, Nixon gewann hauchdünn die Präsidentschaftswahl und belohnte Kissinger mit dem Posten des Nationalen Sicherheitsberaters. Kissingers Spionage führte zu fünf weiteren Kriegsjahren, über 20.000 toten US-Soldaten und Hunderttausenden Opfern in Südostasien. Allein während Kissingers Zeit an der Macht starben in Vietnam, Laos und Kambodscha zusammen mindestens eine Million Menschen.

Bomben über Kambodscha und Laos

Im März 1969 begannen die geheimen Bombardierungen Kambodschas und Laos. Kissinger nahm in der Planung der Bombenangriffe eine zentrale Rolle ein. Er gab höchstpersönlich Ziele zum Abschuss frei und ließ von seinem grünen Tisch aus ganze Dörfer ausradieren. Er war der zentrale Architekt der illegalen Geheimoperationen – und genehmigte persönlich jeden der 3.875 Bombenangriffe zwischen 1969 und 1970.

Insgesamt warfen Nixon und Kissinger von 1969 bis 1973 über eine halbe Million Tonnen Bomben über Kambodscha ab. Zusammen mit Laos waren es bis 1973 mehr als zwei Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Die Alliierten warfen im Zweiten Weltkrieg insgesamt rund zwei Millionen Tonnen ab.

Kissinger zog mit diesen Angriffen das bis dahin neutrale Kambodscha in den damals brutalsten Krieg seit den beiden Weltkriegen. Historiker und Forschende gehen von 50.000 bis 150.000 toten Zivilisten aus, obwohl die reale Zahl wahrscheinlich im höheren Bereich angesiedelt ist. Damit rollte Kissinger den roten Khmer den roten Teppich aus. Von unbedeutenden 10.000 Kämpfern im Jahr 1969 nahm die Zahl aufgrund der wahllosen Zerstörung Kambodschas bis 1973 um das Zwanzigfache auf 200.000 Kämpfer zu. Die Bombardierungen stärkten die Roten Khmer massiv und trugen entscheidend zu ihrem Aufstieg bei.

Die Roten Khmer als nützliche Partner

Im April 1975 beginnt der Völkermord der roten Khmer an der eigenen Bevölkerung, in dem etwa 1,7 Millionen Menschen – rund 21 Prozent der gesamten kambodschanischen Bevölkerung – ermordet werden. Kissinger ist zu diesem Zeitpunkt US-Außenminister und lässt Pol Pot ausrichten, dass die USA mit den Roten Khmer befreundet sein wollen.

Er erklärt seine Entscheidung wie folgt:

„Sie [die Roten Khmer] sind zwar mordende Verbrecher, aber davon dürfen wir uns nicht abhalten lassen. Wir sind bereit, die Beziehungen zu ihnen zu verbessern.”

Im Kampf gegen den Kommunismus arbeitet Kissinger auch mit selbsternannten „Kommunisten“ zusammen. Selbst nachdem sie bereits ein Fünftel ihrer Bevölkerung ausgelöscht haben. Dieser Widerspruch beschreibt Kissingers politische Philosophie am besten: Für seinen Erfolg sind ihm tatsächlich alle Mittel recht. Dabei scheut er auch nicht vor der direkten Involvierung zurück.

Er wählte zum Beispiel selbst die Dörfer aus, die vom US-Militär bombardiert wurden, und unterstützte so die Roten Khmer, deren Ideologie er angeblich bekämpfen wollte. Für Kissinger stand Macht über Recht und Moral. Im Englischen nennt man seine Philosophie „Might Makes Right“.

Kissingers Verbrechen im Überblick

  • Vietnam: Sabotage der Pariser Friedensgespräche 1968 → 5 weitere Kriegsjahre, über 20.000 tote US-Soldaten, mindestens 1 Million zivile Opfer in Südostasien.
  • Kambodscha: 3.875 genehmigte Luftangriffe (1969–70), über 500.000 Tonnen Bomben, 50.000–150.000 tote Zivilisten, Aufstieg der Roten Khmer.
  • Chile: CIA-gestützter Putsch gegen Salvador Allende, 8 Mio. USD CIA-Mittel, Diktatur Pinochets mit mind. 3.216 Toten.
  • Bangladesch: Waffenlieferungen an Pakistan trotz Völkermord an 300.000–3 Mio. Menschen und Vergewaltigungen an Hunderttausenden Frauen.
  • Osttimor: „Grünes Licht“ für indonesische Invasion 1975, 100.000–200.000 tote Zivilisten.

Nähe zu autoritären Regimen

Kissinger befahl den Putsch gegen Salvador Allende in Chile, welcher die CIA etwa acht Millionen Dollar kostete. Ein Schnäppchen, verglichen mit den brutalen Folgen für die linken Kräfte in Chile. Allende hatte die Wahl im September 1970 mit etwa 36 Prozent der Stimmen gewonnen. Direkt daraufhin destabilisierten verdeckte CIA-Operationen die chilenische Wirtschaft und ebneten den Weg für den Militärdiktator Augusto Pinochet.

Während der Regentschaft wurden zwischen 1973 und 1990 offiziell 3.216 Personen ermordet oder galten als verschwunden. Rund 40.000 weitere wurden gefoltert, inhaftiert oder Opfer politischer Gewalt. Schätzungsweise 200.000 Chileninnen und Chilenen flohen ins Exil. Dieser mittlerweile berühmt gewordene Satz Kissingers aus dem Jahr 1970 spiegelt dessen Verhältnis zu demokratischen Wahlen wider:

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„Ich sehe nicht ein, warum wir tatenlos zusehen sollten, wie ein Land wegen der Unverantwortlichkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird”

Ähnlich brutal ging er in Bangladesch vor. Bangladesch (damals Ostpakistan) wollte unabhängig von Pakistan werden. In diesem Befreiungskrieg ermordete die pakistanische Militärdiktatur in Ostpakistan zwischen 300.000 und 3 Millionen (!) Zivilisten, während die lokale Miliz 200.000 Frauen vergewaltigte. Kissinger war in diesem Zeitraum auf Pakistan als Vermittler gegenüber China angewiesen. Obwohl US-Beamte in Pakistan offiziell von einem Völkermord sprachen, lieferte Kissinger trotz eines Kongress-Verbots weiterhin Waffen an die pakistanische Militärdiktatur, mit denen sie ihren Völkermord fortsetzen konnten.

Kissinger gab dem indonesischen Diktator Suharto ausdrücklich „Grünes Lich“, in den Osttimor einzumarschieren. Die einzige Bedingung war, dass er warten sollte, bis Präsident Ford und er wieder in die USA zurückgekehrt waren, um keinen Imageschaden zu erleiden. In der darauffolgenden Besatzung wurden durch bewusst herbeigeführte Hungersnöte sowie brutale Massaker zwischen 100.000 und 200.000 Zivilisten getötet. Das war fast ein Viertel der Bevölkerung Osttimors.

Die Freunde Kissingers

Diese Brutalität der US-Außenpolitik ist für sich genommen schon von historischer Bedeutung. Besonders bedenklich ist jedoch, dass führende Politikerinnen und Politiker uneins darüber sind, ob Kissinger als Vorbild für die westliche Außenpolitik taugt. Er war zeit seines Lebens ein gern gesehener Gast auf internationalen Veranstaltungen und wichtiger Experte zu weltpolitischen Fragen.

Auch Hillary Clinton, die unter Barack Obama als Außenministerin diente, erklärte 2015 in einer TV-Debatte stolz, mit „Henry“ befreundet zu sein. Sie habe seinen Rat und seine jahrzehntelange Erfahrung stets geschätzt. Auch SPD-Kanzler Helmut Schmidt und George W. Bush schätzten Kissinger sehr.

Vielleicht überraschend, aber auf den zweiten Blick kaum verwunderlich: Auch der frühere KGB-Offizier und heutige Autokrat Wladimir Putin hatte ein enges Verhältnis zu Kissinger. Sie sollen sich 17 Mal getroffen haben. Gleiches gilt für Benjamin Netanyahu, den israelischen Präsidenten Issac Herzog und den britischen Premierminister Tony Blair. Sie alle eint eine Politik, welche die eigenen Interessen über das menschliche Wohl und das Völkerrecht stellt.

Das Vermächtnis von Henry Kissinger

Kissinger war jahrelang Außenminister unter Richard Nixon und Gerald Ford. Während seiner Zeit als Chefdiplomat war er für die Verlängerung des Vietnamkriegs, die Zerstörung Kambodschas und weiterer südostasiatischer Staaten verantwortlich. Aufgrund seiner knallharten Realpolitik wird Kissinger von Anhängern als außenpolitisches Vorbild, von Kritikern als amoralischer Zyniker bezeichnet. Kissingers Freundeskreis bestand aus mächtigen Staatschefs, einflussreichen Politikern und spannte dabei den gesamten Erdball.

Die brutalste Kritik an Kissingers Lebenswerk formulierte wohl Anthony Bourdain in seiner Autobiografie:

„Wenn man erst einmal in Kambodscha gewesen ist, wird man nie wieder aufhören, Henry Kissinger mit bloßen Händen zu Tode prügeln zu wollen“

Er schreib auch:

„Wenn man Zeuge dessen wird, was Henry in Kambodscha angerichtet hat – die Früchte seines Genies für Staatskunst –, wird man nie verstehen, warum er nicht neben Milošević auf der Anklagebank in Den Haag sitzt“

Ob man es so klar formulieren muss, ist jedem selbst überlassen.

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