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Zusammenfassung von "Mit Männern leben", das Buch über den Pelicot-Prozess// Bild: Gisele Pelicot und Manon Garcia

Zusammenfassung von "Mit Männern leben", das Buch über den Pelicot-Prozess// Bild: librairie mollat, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons Mehdi Ben, Unsplash

Buch über den Pelicot-Prozess: Wie aus „normalen“ Männern Vergewaltiger wurden

Victor Strauch von Victor Strauch
18. Juni 2026
in International
0
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Wie kann es sein, dass jemand über das Internet in einem Umkreis von nur 20 Kilometern mehr als 50 Männer finden konnte, die bereit waren, eine betäubte Frau zu vergewaltigen? Das fragt sich die französische Philosophin Manon Garcia in ihrem Buch „Mit Männern leben“ über den Pelicot-Prozess. Garcia zeigt eindrücklich, dass es sich bei den Tätern nicht um Monster oder Ausnahmefiguren handelt, sondern um ganz gewöhnliche Männer – mit Familien, Berufen und Freunden.

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1 Ein “gutes Opfer” – Warum Gisele Pelicot zur Symbolfigur wurde
2 Das Buch zeigt: Im Fall Pelicot gab es vermutlich noch weit mehr Opfer – doch es war nicht ihr Prozess
3 Die Täter sind meist “normale” Männer, keine offensichtlichen Monster
4 Die Banalität des Männlichen
5 Keine kollektive Schuld aber kollektive Verantwortung
6 Der Mythos vom sexbesessenen Mann entschuldigt Täter
7 Frauen lernen früh, sich als “vergewaltigbar” zu verstehen
8 Brüderlichkeit statt Gerechtigkeit – Männer schützen Männer
9 Man müsste die Frauen ein wenig lieben

Garcia schreibt über den sogenannten Pelicot-Prozess in Frankreich, einen der erschütterndsten Fälle sexualisierter Gewalt der vergangenen Jahre. Gisèle Pelicot wurde über fast zehn Jahre hinweg von ihrem damaligen Ehemann Dominique Pelicot betäubt und vergewaltigt. Gleichzeitig bot er sie anderen Männern in Online-Foren zur Vergewaltigung an.

Doch zunächst schreibt Garcia über das Opfer: Gisele Pelicot, die mittlerweile zu einer Ikone im Kampf gegen sexualisierte Gewalt wurde, indem sie auf ihr Recht auf Anonymität verzichtete und auf einen öffentlichen Prozess bestand. Ihre Worte: “Die Scham muss die Seiten wechseln” gingen um die Welt. Erst dieser Schritt machte eine breite Berichterstattung über den Prozess möglich. Garcia hat ihr Buch deshalb Gisele Pelicot “und all den anderen” gewidmet.

Ein “gutes Opfer” – Warum Gisele Pelicot zur Symbolfigur wurde

Denn natürlich ist der Fall Pelicot keine Ausnahme. Tagtäglich kommt es überall auf der Welt zu Vergewaltigungen und anderen Formen sexualisierter Gewalt. Dieser Fall mag als besonders perfide herausstechen. Trotzdem fragt sich Garcia, weshalb gerade Gisele Pelicot so schnell zu einer Symbolfigur werden konnte: Ihr Mut, den Ausschluss der Öffentlichkeit abzulehnen, habe zweifellos eine Rolle gespielt. Garcia beschreibt sie als Frau von unvergleichlicher Geradlinigkeit, “aufrecht, freundlich, stolz”. Doch es gibt noch andere Gründe.

“Je länger der Prozess dauerte, umso mehr wuchs meine Bewunderung für sie. Ich bin beeindruckt von ihrer Freundlichkeit gegenüber all den Menschen, die zu ihrer Unterstützung herbeigeeilt sind.”

Sie entspricht auch einem Profil, das gesellschaftlich als passend wahrgenommen wird, hat die Persönlichkeit, den sozialen Hintergrund und das Aussehen, die “notwendig sind”, wie Garcia schreibt. Sie sei “weder zu schön noch zu hässlich noch zu dick noch zu wütend noch zu traurig noch zu arm noch zu dunkelhäutig”. Dann sei da ihr Alter: Einer über 70-jährigen Frau können auch Konservative nicht so leicht vorwerfen, sie sei “selbst schuld”. Das macht sie zu einem, wie Garcia schreibt, “guten Opfer”. Wer nicht in dieses Bild passt, kämpft vor Gericht meist allein.

Das Buch zeigt: Im Fall Pelicot gab es vermutlich noch weit mehr Opfer – doch es war nicht ihr Prozess

Danach richtet Garcia den Blick auf die Täter. Zum einen Dominique Pelicot, der seine Frau über Jahre betäubte, vergewaltigte und von fremden Männern vergewaltigen ließ. Fast alle dieser Vergewaltigungen hat er auf Videos aufgezeichnet. Außerdem wird er beschuldigt, unerlaubt Fotos “sexuellen Inhalts” von seiner Tochter und seinen beiden Schwiegertöchtern gemacht zu haben. Es war nicht Gegenstand des Prozesses, doch die Ähnlichkeit zwischen den Videos der Misshandlungen an Gisele Pelicot und diesen Fotos lassen befürchten, dass Dominique Pelicot seine Tochter und seine Schwiegertöchter unter Drogen gesetzt und – allein oder mit anderen – vergewaltigt hat. In ihrem Buch “Und ich werde dich nie wieder Papa nennen” beschuldigt die Tochter, Caroline Darian, ihren Vater, genau das getan zu haben. Er hat das während des Pelicot-Prozesses abgestritten. Ermittlungen in dieser Frage laufen noch.

“Der Inzestverdacht schwebt über diesem Prozess, ist aber nicht wirklich Teil davon”

Das Familienpanorama, das Garcia im weiteren Verlauf entfaltet, ist erschreckend: Im Raum steht auch der Verdacht, Dominique Pelicot habe seine Enkelkinder missbraucht oder zumindest versucht, sie zu missbrauchen. Während den Zeugenbefragungen offenbart sich, dass die Familie Pelicot von tatsächlichen und mutmaßlichen Inzesthandlungen durchzogen ist.

Und sowas ist keine Seltenheit: Anhand von Zahlen macht Garcia deutlich, dass Kindesmissbrauch innerhalb von Familien äußerst alltäglich ist – entgegen dem, was die Idee des Inzestverbots glauben macht. Die niedrigste Schätzung geht davon aus, dass 6 Prozent der Kinder Opfer von Inzest werden, die allgemein verbreitete Schätzung spricht jedoch von mindestens 10 Prozent der Kinder.

Die Täter sind meist “normale” Männer, keine offensichtlichen Monster

Im Hauptteil des Buches geht es um die weiteren Angeklagten. Die Männer, die über eine Website Kontakt mit Dominique Pelicot aufgenommen hatten, um seine Frau zu vergewaltigen. Insgesamt wurden 51 Männer identifiziert und angeklagt. Viele von ihnen bezeichneten sich dennoch nicht als Vergewaltiger. 

Für Garcia liegt darin der eigentliche Schock des Falls. Es geht nicht um einzelne Monster oder Ausnahmefiguren. Es geht um „normale“ Männer. Männer mit Familien, Berufen und sozialem Umfeld. Dominique Pelicot hat all diese Männer in einem Umkreis von nur 20 Kilometern gefunden. Er rekrutierte sie über die Website Coco.gg, eine öffentlich zugängliche Online-Chat-Seite. Was sagt es über unsere Gesellschaft, wenn man im Umkreis von nur 20 Kilometern mehr als 50 Männer finden kann, die bereit sind eine schlafende Frau zu vergewaltigen? Männer, die vor Gericht erklärten, sie hätten geglaubt, Dominique Pelicot dürfe mit seiner Frau machen, was er wolle. Genau diese Normalität macht den Fall für Garcia so verstörend.

Die Banalität des Männlichen

Die Philosophin greift dabei auf Hannah Arendts berühmten Begriff von der „Banalität des Bösen“ zurück. In ihrem Buch über den Eichmann-Prozess beschrieb Arendt, dass grausame Verbrechen nicht nur von fanatischen Monstern begangen werden können, sondern auch von gewöhnlichen Menschen. Garcia überträgt diesen Gedanken auf das Patriarchat und spricht von einer „Banalität des Männlichen“. Gewalt gegen Frauen sieht sie nicht als Ausnahme, sondern als Teil gesellschaftlicher Strukturen.

“Viele der Angeklagten scheinen darüber empört zu sein, dass man sie auch nur eine Sekunde mit dem Monster Dominique Pelicot vergleichen könnte.”

Ein zentraler Gedanke des Buches lautet deshalb: Männlichkeit entsteht in patriarchalen Gesellschaften nicht trotz der Abwertung von Frauen, sondern durch sie. Viele Männer wehren sich gegen diesen Gedanken – und Garcia nimmt diesen Einwand ernst. „Patriarchat klingt manchmal wie eine Verschwörung“, schreibt sie, „als hätten sich die Männer bewusst gegen die Frauen verbündet.“ Dabei gibt es Männer, die selbst unterdrückt werden, die niemanden beherrschen, die sich von der Welt beherrscht fühlen.

Keine kollektive Schuld aber kollektive Verantwortung

Aber Patriarchat ist keine Verschwörung. Es braucht keine bösen Absichten, um zu funktionieren. Es braucht nur Normalität: In Clubs werden Frauen kostenlos hineingelassen, damit Männer angelockt werden. Auf der Straße oder im Netz werden Frauenkörper bewertet und kommentiert. Und die Prostitution als Institution sorgt dafür, dass Frauenkörper prinzipiell als immer verfügbar gelten – auch für Männer, die ihre Dienstleistungen nie in Anspruch nehmen.

“Die Normen der Männlichkeit und der Weiblichkeit hindern die Männer daran, Frauen als Subjekte zu sehen, als Mitmenschen, die sie als solche lieben und anerkennen könnten.”

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Daraus folgt für Garcia keine kollektive Schuld, aber eine kollektive Verantwortung. Niemand behaupte, schreibt sie, dass alle Männer im gleichen Maße schuldig seien wie Dominique Pelicot oder seine Mittäter. Aber alle nehmen an Ritualen teil, bejahen Werte und schätzen Verhaltensweisen, die es möglich machen, dass normale Männer losziehen und eine Frau vergewaltigen, die sie nicht kennen. Und dann vor Gericht nicht verstehen, was sie falsch gemacht haben.

Zwei Rechtfertigungen tauchten immer wieder auf: Viele Täter erklärten, sie hätten keine Gewalt angewendet – Gisèle Pelicot habe schließlich geschlafen. Und viele beriefen sich darauf, dass Dominique Pelicot als Ehemann das Recht gehabt habe, über seine Frau zu bestimmen. Seine Erlaubnis habe gereicht. Genau darin erkennt Garcia eine erschreckende Denkweise: Vergewaltigung wurde nur als sichtbare – also brutale körperliche Gewalt verstanden, und die Frau als Eigentum ihres Mannes. Dass eine bewusstlose Frau niemals zustimmen kann – und dass keine Erlaubnis eines Dritten diese Zustimmung ersetzen kann – blendeten sie vollständig aus. Einige sahen sich am Ende sogar selbst als Opfer von Dominique Pelicot. 

Der Mythos vom sexbesessenen Mann entschuldigt Täter

Garcia analysiert auch die Mythen, die solche Taten ermöglichen. Einer davon lautet, Männer könnten ihre sexuellen Triebe nur schwer kontrollieren. Vor Gericht wurde mehrfach behauptet, Männer würden in sexuellen Situationen „den Verstand verlieren“. Garcia zeigt, wie gefährlich diese Vorstellung ist. Sie entschuldigt Täter und verschiebt die Verantwortung weg von den Männern.

Ein weiterer Irrglaube betrifft die Vorstellung, Männer hätten ein Recht auf Sex. Mehrere Angeklagte begründeten ihre Taten damit, dass sie in ihren Beziehungen keinen Sex mehr gehabt hätten. Garcia macht deutlich, wie eng hier Sexualität und Macht miteinander verbunden werden. Frauen erscheinen nicht als eigenständige Subjekte mit eigenen Grenzen, sondern als Körper, auf die Männer Anspruch erheben.

Frauen lernen früh, sich als “vergewaltigbar” zu verstehen

Das Buch macht dabei deutlich, wie verbreitet sexualisierte Gewalt tatsächlich ist. Laut EU-Grundrechteagentur hat jede dritte Frau in Europa seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt. In Deutschland erlebt fast jeden Tag eine Frau einen Femizidversuch, also einen versuchten Mord durch einen Mann, meist aus dem nahen Umfeld. Gewalt gehört für viele Frauen zum Alltag.

“Du bist nicht paranoid. Du kennst die Zahlen. Das ist schlimmer.”

Garcia beschreibt deshalb auch, wie Frauen mit einem ständigen Gefühl potenzieller Gefahr aufwachsen. Viele Frauen lernen früh, nachts vorsichtig zu sein, Standorte zu teilen oder Situationen zu vermeiden, die für Männer völlig selbstverständlich wirken. Das Buch zeigt eindringlich, wie sehr dieses Wissen den Alltag prägt. Frauen lernen früh, sich als “vergewaltigbar” zu verstehen, wie sie schreibt.

Brüderlichkeit statt Gerechtigkeit – Männer schützen Männer

Erschütternd ist zudem Garcias Analyse der Solidarität unter Männern. Warum meldete keiner der Männer Dominique Pelicot bei der Polizei? Warum griff niemand ein? Garcia spricht hier von einer „Brüderlichkeit statt Gerechtigkeit“. Männer schützen häufig andere Männer oder suchen Entschuldigungen für deren Verhalten, statt sich mit den betroffenen Frauen zu solidarisieren.

Dazu passt ein weiterer Begriff, den Garcia aufgreift: „Himpathy“. Gemeint ist das übermäßige Mitgefühl mit männlichen Tätern. Immer wieder wird betont, ein Täter sei eigentlich ein guter Vater oder ein netter Kollege gewesen. Genau dadurch verschiebt sich der Fokus. Statt über das Leid der Opfer zu sprechen, kreist die Debatte plötzlich um das Ansehen der Männer.

Garcia schreibt dabei bewusst nicht abstrakt oder akademisch. Ihr Buch ist philosophisch, aber zugleich persönlich. Immer wieder beschreibt sie ihre eigene Wut während des Prozesses. Dadurch gelingt es ihr, die theoretische Analyse mit der emotionalen Realität vieler Frauen zu verbinden.

“Wie soll man sich lieben, wenn Männer den Prozess aus der Ferne verfolgen wie ein unbedeutendes Ereignis, das sie nicht betrifft, und wenn Frauen darin Spuren ihres Alltags sehen?”

Man müsste die Frauen ein wenig lieben

Zum Schluss stellt sie die Frage, wie Frauen und Männer überhaupt miteinander leben können. Nachdem in den letzten Jahren so viele Fälle von Gewalt gegen Frauen öffentlich geworden sind, sei das Vertrauen erschüttert. Die Verantwortung, dieses Vertrauen wiederherzustellen, liegt bei den Männern. Am Ende schreibt Garcia: “Ich dachte, dass es zum Teil an uns ist, uns zu fragen, ob wir die Männer wirklich so lieben sollten, wie wir sie lieben, aber ich fange an, zu denken, dass sie die Frauen ein wenig lieben sollten. Ein wenig, nur ein wenig. Dass sie uns ein wenig lieben, damit wir sie weiter lieben können.”

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Tags: frauenjustizmännermanon garciapatriarchatpelicotpelicot prozessprozessvergewaltigung

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