Zu Beginn der 1970er Jahre wurde fast ganz Südamerika von Militärdiktaturen oder rechtsautoritären Regimen regiert. Auch wenn die Machtausübung unterschiedlich war, hatten sie alle eins gemeinsam: Sie waren radikal antikommunistisch und Verbündete der Vereinigten Staaten. Formalisiert wurde diese Allianz gegen den Kommunismus 1975 unter dem Namen „Operation Condor“. Vom südlichsten Ende des Feuerlands bis zu den nördlichen Ausläufern des Amazonas wurde auf Kommunisten, Oppositionelle, Gewerkschafter und Journalisten Jagd gemacht.
Bündnis des Terrors
Ende November 1975 trafen sich in Santiago de Chile hochrangige Vertreter der Geheimdienste und Sicherheitsapparate aus Argentinien, Bolivien, Chile, Paraguay und Uruguay. Dort vereinbarten sie eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit gegen politische Gegner. Eine brasilianische Delegation war nach späteren Rekonstruktionen wohl als Beobachter vertreten. Sie schlossen einen Pakt: Gemeinsam wollen sie gegen „Staatsfeinde“ und „Terroristen“ vorgehen. Über die Grenzen der Länder hinweg wurde eine Jagd gestartet.
Linke Oppositionelle, Priester, Gewerkschafter und Vertreter:innen von Menschenrechtsorganisationen wurden zum Ziel geheimdienstlich organisierter Verschleppungen, Folter und Ermordungen. Sie gaben dem Unterfangen den Namen: Operation Condor. An dem Treffen nahmen auf Einladung Manuel Contreras, Pinochets Geheimdienstchef, insgesamt rund 50 Geheimdienstoffiziere der sechs Staaten teil. Sie einigten sich auf grenzübergreifende Operationen, das Aussetzen der Gerichtsbarkeit und Verschwiegenheit.
Operation Condor: Entführungen, Folter und Autobomben
Die Verschwörer der Operation Condor gingen auch sogleich an die Arbeit. Am 21. September 1976 sprengen sie in Washington, D. C. eine Autobombe. Bei dem Anschlag starb Orlando Letelier, einst chilenischer Außenminister und früherer Botschafter in Washington. Nach seiner Haft unter Pinochet lebte er im Exil in den USA, wo er zu einem prominenten Kritiker der Diktatur wurde. Nach später deklassifizierten US-Dokumenten gibt es überzeugende Hinweise darauf, dass Pinochet den Mord persönlich billigte oder anordnete. Ein Gerichtsurteil, das ihn als Auftraggeber verurteilte, existiert jedoch nicht. Letelier war aber nur ein prominentes Opfer der Operation Condor.
Was in Santiago beschlossen wurde, zeigte sich weiter in der Praxis: Die Geheimdienste der beteiligten Diktaturen tauschten Informationen aus, koordinierten grenzüberschreitende Verfolgungen und verschleppten Regimegegner auch im Exil über Landesgrenzen hinweg. Politische Flüchtlinge waren nirgendwo mehr sicher. Wie diese Zusammenarbeit funktionierte, zeigte sich etwa 1978 in Porto Alegre, als brasilianische Behörden uruguayische Oppositionelle entführten und nach Uruguay brachten.
Infobox: Augusto Pinochet
Augusto José Ramón Pinochet Ugarte war ein chilenischer General, der durch einen CIA-finanzierten Putsch im Jahre 1973 an die Macht kam. Zuvor hatte der Sozialist Salvador Allende die chilenische Präsidentschaftswahl gewonnen. Pinochets Herrschaft als Diktator Chiles ist von massiven Menschenrechtsverletzungen und Repressionen gegen die eigene Bevölkerung gezeichnet. Viele dieser Gräueltaten geschahen unter Operation Condor. Pinochet regierte Chile bis 1990 und starb 2006 in Santiago de Chile im Alter von 91 Jahren.
Todesflüge: Kommunisten aus Hubschraubern werfen
Doch Operation Condor richtete sich nicht nur gegen politische Gegner im Exil. Im Inneren der Diktaturen wurde dieselbe Logik des Verschwindens noch brutaler eingesetzt. In Argentinien in einer besonders grausamen Form, gegen die sich ab 1977 auch ziviler Widerstand zu organisieren begann. Dort arbeitete die Menschenrechtsorganisation „Madres de la Plaza de Mayo“ (dt. Mütter des Plaza de Mayo) an der Aufarbeitung der Verbrechen. Die Frauen demonstrierten 1977 vor dem argentinischen Präsidentenpalast in Buenos Aires mit dem Ziel, vom Regime entführte Personen zu finden, die sogenannten „desaparecidos“ (dt. „Die Verschwundenen“). Die wöchentlichen Demonstrationen fanden großen Zuspruch, schon bald gesellten sich mehr Mitglieder der Zivilgesellschaft zu den Demonstrierenden.
Aber auch vor ihnen machte die Repression der Operation Condor keinen Halt. Die Regime brandmarkten unzählige der Aktivistinnen als „Staatsfeinde“ oder „Sozialistinnen“ und entführten sie. Darunter auch die Gründerinnen Azucena Villaflor, Esther Ballestrino, María Ponce de Bianco und die französischen Nonnen Alice Domon und Léonie Duquet. Ein Team aus Forensiker:innen stellte Jahre später fest, dass alle von ihnen bei sogenannten „Todesflügen“ ermordet worden waren. Sie wurden aus einem Flugzeug geworfen. Andere berichten auch von Todesflügen mittels Helikoptern. Dabei wurden die Opfer meist unter Drogen gesetzt und bei lebendigem Leib aus großer Höhe abgeworfen.
Die Rolle der USA: der Adler und der Condor
Die Rolle der Vereinigten Staaten ist bis heute nicht vollständig geklärt. 2000 und 2001 veröffentlichten US-Behörden Geheimdienstdokumente, die belegen, dass FBI und CIA von den Machenschaften der südamerikanischen Regime wussten und sie technisch und logistisch unterstützten.
Neben der Lieferung von Ausrüstung unterstützten die USA ihre südamerikanischen Verbündeten auch durch die „School of the Americas“, ein Ausbildungszentrum in Panama, in dem US-Ausbilder hochrangige Offiziere schulten
Das Ende der Operation Condor
1978 verschlechtern sich die Beziehungen zwischen Pinochets Chile und Argentinien. Die Operationen gingen zwar noch bis 1983 weiter, das Bündnis zerfiel jedoch infolge des Zerwürfnisses stückweise. Mit der Demokratisierung Argentiniens ab 1983 endete die Operation Condor endgültig. Bis 1992 blieb die Operation Condor und ihr Ausmaß geheim, bis ein Anwalt in Paraguay bei Recherchen zufällig Dokumente fand, in denen Gräuel der Diktaturen beschrieben wurden. Seine Funde sind heute als „Archive des Terrors“ bekannt.
Die Aufdeckungen infolge dieser Enthüllungen zeigten eine erschütternde Bilanz. Während der verhältnismäßig kurzen Lebensdauer der Operation Condor ermordeten die beteiligten Militärdiktaturen laut Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen rund 50.000 Menschen. 35.000 sind verschwunden und rund 400.000 gefangen genommen worden. Alle ohne einen Prozess oder sonstige Gerichtsbarkeit. Erst in den letzten Jahrzehnten verhängten Gerichte in einer Reihe von Prozessen Haftstrafen gegen Verantwortliche der Operation Condor. Doch die meisten sind bereits verstorben.









