Was wäre eine Fußball-WM ohne ihre Überraschungen? Immer wieder schaffen es Außenseiter bis weit in die Endrunde des Turniers. Zum Beispiel Marokko 2022, die bis ins Halbfinale vordringen konnten, oder die kroatische Mannschaft, die 2018 im Finale um den Titel kämpfte. Doch welche Teams können es in diesem Jahr weit bringen?
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wirft ihre Schatten voraus: Am 11. Juni 2026 wird das Eröffnungsspiel der 23. Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko City angepfiffen. Beim Turnier in Mexiko, den USA und Kanada sind zum ersten Mal 48 Nationen mit von der Partie. Das bedeutet für Fans, dass sie sich auf noch mehr Spiele von mehr verschiedenen Teams freuen können. Denn neben den Favoriten aus Frankreich, Spanien und Argentinien sind viele andere spannende Teams dabei, die Spitzenfußball für Fans in aller Welt liefern werden.
Die Aufstockung der Teilnehmerzahl von 32 auf 48 Nationen bedeutet auch, dass mehr Teams als je zuvor die Möglichkeit haben, in die K.O.-Phase vorzurücken. Einmal dort angelangt, ist vieles für vermeintlich kleinere Teams möglich. Das hat etwa der Auftritt der Marokkaner 2022 in Katar gezeigt. Das afrikanische Team konnte sich durch eine starke Defensive und präzise gesetzte Offensivaktionen bis ins Halbfinale kämpfen, wo sie sich schließlich Topfavorit Frankreich geschlagen geben mussten. Mit noch mehr Mannschaften in der K.O.-Phase lohnt sich also ein Blick auf fünf Teams, die es im diesjährigen Turnier weit bringen können.
Norwegens goldene Generation
Die norwegische Nationalmannschaft hat einen langen Leidensweg hinter sich. Ganze 28 Jahre lang waren die Skandinavier nicht bei einer WM vertreten. Ihre beste Platzierung ist lediglich ein Sechzehntelfinale im Jahr 1998, in dem sie 1:0 gegen Italien verloren. Auch die letzte Europameisterschaft ging ohne eine norwegische Teilnahme vonstatten. Umso größer ist nun die Vorfreude im Land. Angeführt von Ausnahmestürmer Erling Haaland, der auch in dieser Saison durch 40 Scorer in 45 Spielen für Manchester City glänzt, ist die Nationalmannschaft der Norweger so gut besetzt wie noch nie.
Neben Haaland ist die Offensive gespickt mit Ausnahmekönnern: Alexander Sørloth (Atletico Madrid) und Martin Ødegaard (FC Arsenal) konnten mit ihren Clubmannschaften das Halbfinale der Champions League erreichen und hinter ihnen in der Team-Hierarchie lauern die Top-Talente Antonio Nusa (RB Leipzig) und Oscar Bobb (FC Fulham) auf ihre Chance, sich bei der WM zu präsentieren. Auch in der Abwehr und im Mittelfeld sind sie mit Spielern wie Julian Ryerson (Borussia Dortmund) oder Leo Østigård (CFC Genua) herausragend besetzt und werden einige Teams vor Probleme stellen.
Der Trainer der Norweger, Stole Solbakken, setzt außerdem auf eine besonders positive und gemeinschaftliche Kultur innerhalb der Mannschaft, damit nicht einzelne Superstars das Teamgefüge aus der Balance bringen können. Der Statistik-Dienstleister Opta, auf den auch viele professionelle Teams zurückgreifen, sieht die Skandinavier auf Platz 9 der besten Mannschaften im gesamten Turnier. Alles deutet also darauf hin, dass sie in diesem Jahr endlich die Erwartungen ihrer Fans erfüllen und bis ins Viertelfinale oder sogar noch weiter vordringen können.
Favoritenschreck Japan
Die japanische Nationalmannschaft befindet sich mittlerweile seit vielen Jahren im Aufwärtstrend. Als erste Mannschaft qualifizierten sie sich bereits im März 2025 für die Weltmeisterschaft 2026 und zeigten damit jedem anderen Teilnehmer, dass man sie auf dem Zettel haben muss. Bei der letzten Weltmeisterschaft zeigten die japanischen Kicker, dass sie es auch mit den ganz Großen aufnehmen können: 2:1 lautete jeweils das Ergebnis gegen die Fußballgiganten Spanien und Deutschland. Damit setzten sie sich als Gruppenerster gegen diese zwei Teams durch. Erst ein enges Match gegen Kroatien, das im Elfmeterschießen entschieden wurde, bedeutete das Ende der Reise für die Japaner im Achtelfinale. In der Zwischenzeit hat sich die Mannschaft nochmal verbessert. Spieler wie Hiroki Ito (FC Bayern München), Kaoru Mitoma (Brighton & Hove Albion) oder Ritsu Dōan (Eintracht Frankfurt) haben in der vergangenen Saison in den europäischen Top-Ligen ihr Talent gezeigt und wollen bei der Weltmeisterschaft den Erfolg von 2022 wiederholen.
Das japanische Spiel ist besonders geprägt durch eine kompakte Abwehr und technisch starke Spieler, die in der Umschaltbewegung gegnerische Defensiven knacken können. Auch die taktische Flexibilität des Nationaltrainers Hajime Moriyasu ist eine Stärke der Japaner, die jedes Team vor Probleme stellen kann. Immer wieder kann er Gegner durch geschickte Umstellungen während des Spiels mit neuen Problemen konfrontieren, woraus seine Spieler Profit schlagen können. Selbst mit einem starken französischen Team und selbstbewussten Schweden als Gruppengegner haben die Kicker aus dem asiatischen Inselstaat also alle Chancen, bis weit in die K.O.-Phase vorzustoßen.
Defensives Bollwerk aus Ecuador
Seit September 2024 hat sich einiges in der Fußball-Welt getan: Paris Saint-Germain wurde zum ersten Mal Champions League Sieger, Thomas Müller hat den FC Bayern verlassen und der FC Liverpool hat über 500 Millionen für Neuzugänge ausgegeben. Doch eins ist gleich geblieben: Die ecuadorianische Nationalmannschaft hat kein einziges Spiel verloren. Die Gegner waren dabei keine Laufkundschaft, denn unter ihnen waren beispielsweise Brasilien, die Niederlande oder der kontroverse Afrika-Cup Sieger Marokko. Das absolute Herzstück der Tricolor, wie die Mannschaft im Land genannt wird, ist die Defensive. Mit Weltklasse-Verteidigern wie Willian Pacho (Paris Saint-Germain) und Piero Hincapié (FC Arsenal) sowie Sechser Moisés Caicedo (FC Chelsea) ist die Abwehr der Südamerikaner ein Bollwerk, an dem sich selbst der amtierende Weltmeister Argentinien schon die Zähne ausgebissen hat. Nur sechs Gegentore hat diese Defensive seit Amtsantritt von Trainer Sebastián Beccacece im August 2024 hinnehmen müssen.
2022 musste sich Ecuador noch in der Gruppenphase gegen die Niederlande und den Senegal geschlagen geben und verpasste den Einzug ins WM-Achtelfinale. Gegen Deutschland, die Elfenbeinküste und Curaçao rechnen sie sich in ihrer diesjährigen Gruppe aber bessere Chancen aus. Mit ihrer aufopferungsvollen Defensivarbeit und Premier-League-Legionär Enner Valencia im Sturm könnten sie weit kommen, auch wenn die Offensive bisher nicht an die Qualität ihrer Hintermänner anknüpfen konnte. Trotzdem sollten die Südamerikaner nicht unterschätzt werden, denn schon Trainerlegende Alex Ferguson wusste: Mit der Offensive gewinnst du Spiele, mit der Defensive gewinnst du Titel.
Immer wieder Österreich
Während ältere Semester in Österreich noch von Andi Herzog oder Toni Polster in der österreichischen Nationalmannschaft erzählen können, sind die Star-Spieler der letzten WM-Teilnahme den meisten jüngeren Fußballfans nur noch als TV-Experten bekannt. Mittlerweile existieren 28-jährige Österreicher*innen, die ihre Mannschaft noch nie auf der größten Bühne des Weltfußballs verfolgen durften. Umso größer wird die Freude bei ihnen und allen anderen rot-weiß-roten Fußballfans sein, dass Ralf Rangnicks Team es bei der WM 2026 endlich wieder in das Finalturnier geschafft hat. Und das nicht ohne Grund: Mit seinem Ansatz des intensiven Gegenpressings hat das Team bereits bei der vergangenen Europameisterschaft viele positiv überrascht.
Frankreich brachte man an den Rande einer Niederlage und sicherte das Weiterkommen aus der Gruppe in einem emotionalen Spiel gegen die Niederlande im Berliner Olympiastadion. Zwar war dann gegen die Türkei im Achtelfinale Schluss, trotzdem hat der österreichische Fußball seitdem Lust auf mehr gemacht. Doch Rangnicks Ansatz funktioniert nicht ohne Spieler mit entsprechender Qualität. Während sich der Kader immer weiter konkretisiert, wird klar, dass die Mannschaft hervorragend besetzt ist. Erfahrene Spieler internationaler Top-Clubs wie Konrad Laimer (FC Bayern München), Marcel Sabitzer (Borussia Dortmund) oder Christoph Baumgartner (RB Leipzig) werden von jungen Talenten ergänzt, die man zuletzt für Österreich gewinnen konnte. Paul Wanner (PSV Eindhoven) und Carney Chukwuemeka (Borussia Dortmund) haben sich für die österreichische Mannschaft entschieden und wollen sich in Nordamerika einen Stammplatz in der österreichischen Elf verdienen.
In Gruppe J mit Jordanien, Argentinien und Algerien ist ein Weiterkommen sicher möglich – auch wenn viele im Land die Spiele aufgrund ihrer Anstoßzeiten mitten in der Nacht nicht live verfolgen können. Rangnicks taktisches Genie, die Spielerqualität im Kader und die vergangenen Ergebnisse lassen aber hoffen, dass ihnen nach der Gruppenphase noch weitere Matches beschert werden.
Bricht Kanada endlich den Bann?
Zwei WM-Teilnahmen, sechs Niederlagen, kein Unentschieden, kein Sieg. Kann ein Team mehr Underdog sein? Kanada blickt auf eine sehr negative WM-Historie zurück, die sie in diesem Jahr (teilweise) im eigenen Land endlich in eine Erfolgsstory umwandeln wollen. Und die Zeichen stehen nicht schlecht: Alphonso Davies (FC Bayern München) war bisher stets der alleinige Star einer ansonsten durchwachsenen Mannschaft, durch die Entwicklung von Stürmer Jonathan David (Juventus Turin) hat sie aber zuletzt einen weiteren Ausnahmekönner hinzubekommen. Ergänzt wird das Team der Maple Leafs durch Spieler, die in den europäischen Top-Ligen ihre Stärken zeigen. Dazu gehören beispielsweise Tajon Buchanan und Tani Oluwaseyi (beide FC Villareal) oder Ismael Kone (US Sassuolo).
Einen Vorgeschmack auf ihre fußballerischen Stärken gaben die Nordamerikaner bei der Copa America 2024, in der sie sich den vierten Platz sichern konnten. Als Vorbereitung auf die WM 2026 wurden zu diesem Turnier, das eigentlich nur südamerikanische Teams beinhaltet, die Gastgeber der WM eingeladen. Kanada schnitt bei weitem am besten unter ihnen ab. Besonders die Schnelligkeit des Teams, die in der Umschaltbewegung besonders zur Geltung kommt, stellt viele Gegner vor Probleme. Vor heimischer Kulisse erhalten die kanadischen Kicker sicher noch einen Moralboost, der besonders in einem so emotionalen Wettbewerb wie der Weltmeisterschaft den Unterschied machen kann.
Auch Trainer Jesse Marsch wird vielen Fußballfans kein Unbekannter sein, denn er machte sich bei den Red Bull Clubs in Salzburg und Leipzig sowie bei Leeds United in Europa einen Namen. Bei der Heim-WM ist also alles angerichtet, damit Kanada den ersten Sieg im wichtigsten Fußballturnier der Erde sichern kann. Wie weit sie das dann am Ende tragen kann, bleibt abzuwarten.
Fazit
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 birgt riesiges Sensationspotenzial. Betrachtet man die defensivstarken Ecuadorianer, die goldene norwegische Generation oder die ambitionierten Kanadier, wird klar, dass viele Teams darauf warten, ihre Versprechen endlich einlösen zu können. Während die politischen Kontroversen rund um das Turnier nicht abreißen, bleibt zu hoffen, dass diese Underdogs zumindest für positive sportliche Geschichten beim Fußballfest in Nordamerika sorgen können.
- Ben
- Justus







