Kinder betreuen, Angehörige pflegen, kochen, putzen oder emotional unterstützen – all das gehört zur sogenannten Care-Arbeit. Ohne diese Tätigkeiten würde unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft nicht funktionieren. Trotzdem wird Care-Arbeit oft schlecht bezahlt oder gar nicht als Arbeit anerkannt.
Care-Arbeit umfasst alle Tätigkeiten, mit denen Menschen für andere sorgen. Dazu gehört zum Beispiel die Betreuung von Kindern, die Pflege älterer Menschen oder auch Hausarbeit. Ein großer Teil dieser Arbeit passiert im privaten Bereich – meist innerhalb von Familien. Viele Menschen leisten Care-Arbeit täglich, ohne dafür bezahlt zu werden. Besonders häufig übernehmen Frauen diese Aufgaben. Studien zeigen, dass sie deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit leisten als Männer. Gleichzeitig arbeiten viele Frauen auch im bezahlten Care-Sektor, etwa in Pflegeberufen, Kindergärten oder sozialen Einrichtungen.
Das Problem: Diese Arbeit ist zwar gesellschaftlich unverzichtbar, wird aber oft schlecht bezahlt oder als selbstverständlich betrachtet.
Ohne Care-Arbeit gäbe es keine funktionierende Wirtschaft
Die Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser argumentiert, dass Care-Arbeit eine zentrale Grundlage unserer Wirtschaft ist. Denn bevor Menschen arbeiten können, müssen sie großgezogen, versorgt und unterstützt werden.
Kinder brauchen Betreuung und Bildung, kranke Menschen Pflege und ältere Menschen Unterstützung. All diese Tätigkeiten gehören zur sogenannten sozialen Reproduktion – also zu den Prozessen, die das tägliche Leben und das Funktionieren der Gesellschaft ermöglichen. Fraser betont: Wirtschaftliche Produktion und soziale Reproduktion hängen eng zusammen. Ohne Care-Arbeit gäbe es keine Arbeitskräfte, keine funktionierenden Familien und damit auch keine stabile Wirtschaft.
Unser Wirtschaftssystem braucht Care – höhlt sie aber gleichzeitig aus
Trotz ihrer zentralen Bedeutung gerät Care-Arbeit immer stärker unter Druck. Fraser spricht deshalb von einer „Care-Krise“. Ein Grund dafür liegt im Wirtschaftssystem selbst. Unternehmen versuchen ständig, Kosten zu senken und Gewinne zu steigern. Gleichzeitig erwarten Gesellschaft und Staat oft, dass Familien die Care-Arbeit übernehmen.
Doch viele Menschen haben heute weniger Zeit dafür. In vielen Haushalten arbeiten beide Elternteile Vollzeit. Gleichzeitig steigt durch den demografischen Wandel der Bedarf an Pflege und Betreuung. Das Ergebnis: Die Anforderungen an Care-Arbeit wachsen, während Zeit, Ressourcen und Personal knapp bleiben.
Wohlhabende Länder lösen Care-Probleme oft durch Migrant:innen aus ärmeren Ländern
Ein weiterer Effekt der Care-Krise zeigt sich in sogenannten globalen Care-Ketten. Dabei übernehmen häufig Migrant:innen aus ärmeren Ländern Care-Arbeit in wohlhabenderen Staaten.
Viele Familien in Europa beschäftigen zum Beispiel Pflegekräfte aus Osteuropa oder Südostasien. Diese Frauen kümmern sich um Kinder oder ältere Menschen – oft unter schlechteren Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig fehlt ihre Arbeit dann in ihren eigenen Familien oder Herkunftsländern. Care-Arbeit wird so entlang globaler Ungleichheiten verschoben.
Die zentrale Frage: Warum behandeln wir eine so wichtige Arbeit so schlecht?
Für Nancy Fraser zeigt die Care-Krise ein grundlegendes Problem: Unsere Wirtschaft ist auf Care-Arbeit angewiesen, organisiert sie aber schlecht. Eine mögliche Lösung besteht darin, Care stärker als gesellschaftliche Aufgabe zu verstehen. Dazu gehören bessere Arbeitsbedingungen im Pflegebereich, mehr öffentliche Kinderbetreuung und eine gerechtere Verteilung von Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen.
Denn klar ist: Ohne Care funktioniert keine Gesellschaft. Wer über Wirtschaft, Arbeit und soziale Gerechtigkeit spricht, muss deshalb auch über Care sprechen.





