Eine dunkle Bühne. Ein Lichtkegel fällt in die Mitte. Dann hört man es: klick, tack, klick, tack. Schnelle Schritte, harte Absätze. Und schließlich betritt einer der mächtigsten Männer der Welt die Bühne: der Präsident der USA, in hohen Stöckelschuhen. Nicht als Provokation, sondern als Zeichen von Rang und Macht. Eine solche Szene ist heute kaum vorstellbar. Im 17. Jahrhundert aber demonstrierten mächtige Männer mit Absatzschuhen Einfluss und Männlichkeit.
Um 1600 kamen Absatzschuhe in Westeuropa für Männer in Mode, und im 17. Jahrhundert wurden sie vor allem an Höfen und unter Männern mit Status sichtbar. Hohe Absätze galten also nicht immer als weibliches Symbol. Ihre Geschichte zeigt, wie wandelbar Geschlechterrollen sind und wie stark Mode davon abhängt, wer sie trägt und wer sie bewertet. Doch wie wurde aus einem Zeichen männlicher Macht ein Symbol für Weiblichkeit?
Als Absätze noch Reitwerkzeug waren
Die Spur der hohen Absätze führt nicht zuerst in eine Modehauptstadt wie Paris, Venedig oder London. Sie führt nach Westasien in das Safawidenreich, das vom 16. bis 18. Jahrhundert große Teile des heutigen Iran prägte. Dort hatte der Absatz zunächst eine handfeste Funktion. Er half Reitern, den Fuß stabil im Steigbügel zu halten.
Wer im Sattel stand, sich beim Reiten aufrichtete oder mit Pfeil und Bogen zielte, brauchte vor allem eines: Halt. Der Absatz war zu Beginn daher kein Modeaccessoire, sondern hatte einen praktischen Hintergrund. Eine Schale aus Nishapur aus dem 9. oder 10. Jahrhundert gilt in der Modegeschichte als früher Hinweis auf diese Verbindung von Reitkultur und Absatzschuhen. Eindeutiger belegt sind erhaltene persische Reitschuhe allerdings erst deutlich später, vor allem im 17. Jahrhundert.

Prince Sam Mirza (Shah Suleiman) Safavid on horseback, 17. Jahrhundert. Die Darstellung zeigt den safawidischen Prinzen zu Pferd und verweist auf die enge Verbindung von Reitkultur, höfischem Rang und politischer Macht im Persien der Frühen Neuzeit. | Quelle: Wikimedia Commons
Dass daraus ein Zeichen von Rang wurde, lag an der sozialen Bedeutung des Reitens. Pferde waren teuer, Reitkunst war militärisch wichtig, und wer sicher im Sattel saß, zeigte damit auch Zugang zu Macht. Der Absatz stand damit nicht mehr nur für Halt im Steigbügel, sondern für Zugang zu privilegierten Kreisen.
Wichtig ist hier die Unterscheidung. Nicht jeder erhöhte Schuh ist ein High Heel im heutigen Sinn. Es geht hier um den Absatz als Fersenhebung, nicht um Plateauschuhe oder andere Formen erhöhter Sohlen. Der Ursprung des Männerabsatzes liegt somit weniger im Wunsch, größer zu wirken.
1600: Der Absatz findet seinen Weg nach Europa
Nach Europa kam der Absatz nicht einfach als modische Kuriosität. Nein, er war Teil eines größeren kulturellen Austausches. Denn um 1600 rückte das safawidische Persien stärker in den Blick europäischer Höfe. Schah Abbas I., der damalige Herrscher des Reiches, suchte den Austausch mit europäischen Mächten. Vor allem aus strategischen Gründen.
Persien stand im Konflikt mit dem Osmanischen Reich und war für Europa deshalb ein interessanter, möglicher Bündnispartner. Gesandtschaften, Händler und Abenteurer bewegten sich zwischen Isfahan, der damaligen Hauptstadt des Safawidenreichs im heutigen Iran, und europäischen Städten wie Rom, Prag, Madrid und London.
So wurde an europäischen Höfen sichtbar, wie persische Eliten auftraten. Sie zeigten sich mit kostbaren Stoffen, Waffen, höfischer Kleidung und Schuhen, die nicht nur praktisch waren, sondern auch den Rang erkennen ließen.
Wie die Sherley-Brüder halfen, die persische Hofkultur in Europa sichtbar zu machen
Eine besondere Rolle in diesem Austausch spielten die Brüder Anthony und Robert Sherley. Die beiden Engländer kamen Ende des 16. Jahrhunderts an den Hof von Schah Abbas I. Anthony Sherley beteiligte sich an einer persischen Gesandtschaft, die 1599 nach Europa aufbrach. Ihr Ziel war die Suche nach Verbündeten gegen das Osmanische Reich.
Noch enger mit dem safawidischen Hof verbunden blieb sein Bruder Robert Sherley. Er trat später selbst als offizieller Gesandter des persischen Herrschers auf und wurde in Europa zu einer schillernden Figur zwischen zwei Welten.

Sir Robert Sherley in persischer Repräsentationskleidung – Anthony van Dyck, 1622. | Quelle: Wikimedia Commons / National Trust Image
Besonders sichtbar wird das auf einem Porträt von Anthony van Dyck aus dem Jahr 1622. Das Porträt zeigt Robert Sherley nicht als gewöhnlichen englischen Adeligen, sondern in persischer Repräsentationskleidung: mit Turban, besticktem Gewand, Schärpe und Waffe.
Gerade dieses Bild ist wichtig, auch wenn es keine hohen Absätze zeigt. Denn es macht deutlich, dass Diplomatie damals nicht nur über Verträge, Briefe und Bündnisse funktionierte. Sie funktionierte auch über Kleidung. Wer an europäischen Höfen auftrat, brachte eine sichtbare Ordnung von Rang und Herkunft mit.
Stoffe, Waffen, Kopfbedeckungen und Körperhaltung zeigten, wer man war und in wessen Auftrag man sprach. Genau in diesem Klima konnte auch der Absatz seine Bedeutung verändern. Aus einem praktischen Detail des Reitens wurde in Europa so Schritt für Schritt ein Zeichen aristokratischer Selbstdarstellung.
Hohe Absätze als Statussymbol
Besonders stark zeigte sich diese Entwicklung im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Der französische Hof wurde unter Ludwig XIV., der von 1643 bis 1715 regierte, zum wichtigsten Schauplatz europäischer Mode und Selbstdarstellung. Versailles war nicht nur ein Schloss, sondern eine Bühne der Macht. Wer dort gesehen wurde, musste Rang und Bedeutung auch äußerlich zeigen.
Ludwig XIV. verstand diese Sprache besser als kaum ein anderer Herrscher seiner Zeit. Seine Perücken, seine prächtigen Gewänder, seine kontrollierte Haltung und seine Schuhe waren Teil einer politischen Inszenierung. Besonders berühmt wurden seine roten Absätze. Im späten 17. Jahrhundert trug der König hochhackige Schuhe, die ihn größer und imposanter erscheinen ließen.

Ludwig XIV. im Krönungsornat – Hyacinthe Rigaud, 1701. | Quelle: Wikimedia Commons / Public Domain
Seine Körpergröße wird häufig auf etwa 1,60 bis 1,63 Meter geschätzt. Zugleich betonten die Schuhe seine Beine und seine Körperhaltung. Am Hof wurden rote Absätze zu einem Zeichen der Exklusivität.
Entscheidend war dabei nicht nur die Höhe des Schuhs, sondern wer ihn tragen durfte. Rote Absätze galten im Umfeld Ludwigs XIV. als Privileg der höfischen Elite. Sie signalisierten Nähe zum König und damit Nähe zur Macht. Der Schuh machte den Körper größer, die Wade sichtbarer und den Auftritt kontrollierter. In einer Gesellschaft, in der der Rang über Farben, Stoffe und Gesten lesbar wurde, konnte ein hoher Absatz zeigen, wer oben stand.
Chopinen: Frauen trugen hohe Schuhe, aber keine Absätze
Während der persische Reitabsatz über höfische Macht nach Europa kam, gab es parallel andere Formen erhöhter Schuhe. Besonders bekannt sind die venezianischen Chopinen. Diese Schuhe waren keine Absatzschuhe im heutigen Sinn, sondern Plateauschuhe. Nicht nur die Ferse, sondern der ganze Fuß stand auf einer erhöhten Sohle, oft aus Holz oder Kork. Getragen wurden sie vor allem von wohlhabenden Frauen.
Beim Männerabsatz ging es zunächst um Halt im Steigbügel und später um Rang am Hof. Bei den Chopinen ging es um etwas anderes: sichtbaren Status im Alltag! Sie machten größer, hielten Kleider und Füße vom Straßenschmutz fern und zeigten, dass sich eine Frau aufwendige Kleidung leisten konnte. Denn je höher der Schuh, desto mehr Stoff brauchte das Kleid, das darüber fiel.

Chopines, Italien, 16. Jahrhundert – aus der Sammlung des Metropolitan Museum of Art. | Quelle: Wikimedia Commons / The Metropolitan Museum of Art, Public Domain
Wie das konkret aussah, zeigen erhaltene Chopinen aus dem 16. Jahrhundert, etwa im Metropolitan Museum of Art, hohe Plattformschuhe, die den ganzen Fuß anhoben. Das Museum beschreibt sie nicht nur als Schutz vor nassen oder schmutzigen Wegen, sondern auch als sichtbares Zeichen eines gehobenen sozialen Status.
Genau deshalb ist die Unterscheidung wichtig. Frauen trugen durchaus hohe Schuhe. Aber sie trugen nicht automatisch jene Absätze, die aus der Reitkultur kamen und in Europa zunächst zur Männermode wurden. Erst im 18. Jahrhundert verschoben sich diese Bedeutungen nach und nach.
18. Jahrhundert: Der Geschlechterwandel beginnt
Ab dem späten 17. und frühen 18. Jahrhundert lässt sich der Wandel an erhaltenen Schuhen und Porträts konkreter greifen. Männer trugen am Hof weiterhin Absatzschuhe. Französische Courtschuhe aus der Zeit um 1690 bis 1700 zeigen etwa rote Absätze, die als aristokratisches Zeichen galten. Auch britische Männerschuhe aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zeigen noch rote Absätze und dekorative Details. Der Absatz verschwand also nicht plötzlich aus der Männermode.

Edward, Duke of York – Nathaniel Dance-Holland, 1764/1765. | Quelle: Wikimedia Commons / Royal Collection, Public Domain
Gleichzeitig tauchten auch bei Frauenschuhen höhere Absätze auf, nicht mehr nur hohe Plateaus wie bei den Chopinen. Französische Frauenschuhe um 1690 bis 1700 zeigen bereits verzierte Stoffe, florale Stickereien und schmalere, elegante Absätze. Im 18. Jahrhundert wurden solche Schuhe immer stärker auf Stoffe und höfische Eleganz abgestimmt. Der Absatz war damit nicht mehr nur ein Zeichen von Rang, sondern auch ein Teil der weiblich gelesenen Modeästhetik.
Der Wandel bestand nicht darin, dass Männer von einem Tag auf den anderen keine Absätze mehr trugen und Frauen sie plötzlich übernahmen. Es war ein langsames Auseinanderdriften. Männerabsätze blieben eher stabil, breiter und stärker mit Hof, Militär oder Reitkultur verbunden. Frauenabsätze wurden feiner, dekorativer und stärker mit Eleganz und Körperhaltung verbunden.

Shoes, Frankreich, 1690–1700 – Seide und Leder, Metropolitan Museum of Art. | Quelle: Wikimedia Commons / The Metropolitan Museum of Art, Public Domain
Dahinter stand ein größerer kultureller Wandel. Im 18. Jahrhundert setzte sich nach und nach ein nüchterneres Männerideal durch. Männermode wurde schlichter, dunkler und praktischer. Auffällige Kleidung galt zunehmend als eitel, übertrieben oder verweichlicht. Genau dadurch wanderte der Absatz symbolisch auf die andere Seite.
Absätze bei Männern sind nie ganz verschwunden
Ganz verschwunden ist der männliche Absatz nie. Man sieht ihn im Reitstiefel, im Cowboystiefel, im Cuban Heel, später in Bühnenmode, Rock, Pop, Drag und queerer Mode. Von privilegierten Herrschern über militärische Stiefel und Cowboyboots bis zu John Lennons Beatle Boots und Elton Johns Plateauschuhen der 1970er-Jahre.
Der Absatz blieb dort sichtbar, wo Auftritt, Körperhaltung und Männlichkeit bewusst inszeniert wurden. Gerade die Popkultur zeigt, dass der Absatz nie einfach „weiblich“ war. Die Beatles machten in den 1960er-Jahren den Cuban Heel wieder populär, David Bowie nutzte hohe Schuhe und Plateaus als Teil seiner androgynen Bühnenfiguren, und in der Rockmode wurde der Absatz später zum Zeichen von Übertreibung, Sexualität und kontrollierter Grenzüberschreitung.

Beatle Boots mit Cuban Heel – Nachbildung des Stiefeltyps, den die Beatles in den 1960er-Jahren populär machten. | Quelle: Wikimedia Commons
Der Männerabsatz verschwand also nicht aus der Kultur. Er wurde nur aus dem bürgerlichen Alltag verdrängt und tauchte dort wieder auf, wo Männlichkeit nicht brav, sondern performativ sein durfte.
Was hohe Absätze heute über Gender und Macht verraten
Heute gilt der hohe Absatz vor allem als Symbol weiblicher Mode. Derselbe Schuh, der einst männliche Macht, Reitkunst und höfischen Rang sichtbar machte, wurde später zum Zeichen weiblicher Eleganz erklärt. Nicht der Absatz hatte sich grundlegend verändert. Verändert hatte sich der Blick auf den Körper, der ihn trug.
Solange der Absatz Männern half, größer und herrschaftlicher aufzutreten, war er kein Problem. Am Hof konnte er Macht zeigen. Auf dem Pferd konnte er Nützlichkeit beweisen. In der Inszenierung eines Königs konnte er Autorität untermauern. Erst als der Absatz stärker mit weiblicher Mode verbunden wurde, verschob sich seine Bewertung.
Daran zeigt sich, wie eng Ästhetik und Macht miteinander verbunden sind. Männermode wurde im 18. Jahrhundert nicht einfach schlichter, weil Männer plötzlich praktischer wurden. Dahinter stand ein neues Ideal von Männlichkeit. Der bürgerliche Mann sollte kontrolliert und zweckmäßig erscheinen. Prunk, Schmuck und körperliche Auffälligkeit galten zunehmend als weiblich oder übertrieben. Nur der weibliche Körper sollte auffällig sein. Er sollte schön wirken, aber zugleich kontrollierbar bleiben.
Dass Männer in hohen Absätzen heute oft als provokant, exzentrisch oder queer gelesen werden, zeigt, wie tief diese Ordnung sitzt. Ein Absatz an einem Männerfuß irritiert nicht wegen des Leders, der Form oder der Höhe. Er irritiert, weil er eine Grenze sichtbar macht, die historisch gezogen wurde.
Was einmal männliche Macht markieren konnte, gilt heute schnell als Bruch mit Männlichkeitsnormen. Der Absatz hat sein Geschlecht nicht gewechselt. Wie genau der Absatz zum Frauenschuh wurde, ist historisch schwerer zu greifen als seine männliche Geschichte. Denn Machtverschiebungen werden häufig erst im Rückblick sichtbar, weil ihre Bedeutung erst durch zeitliche Distanz, spätere Quellen und historische Einordnung erkennbar wird.









