Für einen englischen Adligen des 16. Jahrhundert kam der Verzehr von Tomaten einem Todesurteil gleich. Denn die Tomatensäure löste giftiges Blei aus den Zinntellern, die man damals benutzte. Die Adligen gaben jedoch fälschlicherweise der Tomate die Schuld. Deshalb galt die rote Frucht in Europa jahrhundertelang als “Giftapfel”. Erst der gemeine Pöbel – der von Holztellern aß – entdeckte, dass die Tomate essbar ist, und machte sie später zum Weltstar. Die Geschichte der Tomate – und die Vorstellung, sie sei giftig – offenbart einen der größten Irrtümer der Menschheit.
Die Tomate stammt ursprünglich aus den Andenregionen des heutigen Peru, Ecuador und Nordchile. Bereits vor mehr als 2.000 Jahren wurden Vorläufer der Tomate von den indigenen Völkern Mittel- und Südamerikas kultiviert. Besonders die Azteken in Mexiko waren begeisterte Tomatenliebhaber. Das Wort „Tomate“ geht sogar auf das aztekische Wort „tomatl“ zurück.

Nach der Eroberung des Aztekenreichs durch die Spanier brachten Seefahrer die Pflanze im 16. Jahrhundert nach Europa. Vermutlich erreichten die ersten Tomaten Spanien um das Jahr 1540. Von dort verbreiteten sie sich langsam nach Italien, Frankreich und andere Teile des Kontinents.
Tomaten wurden anfänglich nur als Zierpflanzen verwendet
Doch die Europäer waren skeptisch. Schon das Aussehen der Pflanze war Vielen nicht geheuer: Im 16. Jahrhundert waren Tomaten noch überwiegend gelb und etwa kirschgroß. Außerdem gehörte die Tomate zur Familie der Nachtschattengewächse – und diese Familie hatte einen schlechten Ruf. Zu ihr zählen auch hochgiftige Pflanzen wie die Tollkirsche, der Stechapfel und das Bilsenkraut.
Botaniker erkannten die Verwandtschaft sofort. Viele Menschen gingen deshalb davon aus, dass auch die Tomate gefährlich sein müsse. Tatsächlich enthalten Tomaten geringe Mengen an Solanin und Tomatin, zwei Stoffe, die in höheren Konzentrationen giftig wirken können. Vor allem unreife grüne Tomaten enthalten mehr davon als reife Früchte. Die Mengen in heutigen roten Tomaten sind jedoch so gering, dass sie für gesunde Menschen normalerweise ungefährlich sind.
Geschichte der Tomate: in Europa galten sie im 16. Jahrhundert als giftig
In vielen Regionen Europas wurden Tomaten im 16. Jahrhundert gar nicht gegessen. Stattdessen dienten sie als Zierpflanzen. Ihre leuchtenden Früchte galten als exotisch und dekorativ, aber nicht unbedingt als essbar.

Besonders in England entstand der Ruf der Tomate als „Poison Apple“, also als Giftapfel. Berichte über Menschen, die nach dem Verzehr von Tomaten schwer erkrankten oder starben, schienen die Befürchtungen zu bestätigen. Für viele Europäer war damit klar: Die neue Pflanze aus der Neuen Welt war gefährlich.
Nicht die Tomate war giftig, sondern die Teller der Reichen
Das eigentlich Kuriose an der Geschichte ist, dass die vermeintlichen Beweise gegen die Tomate oft tatsächlich existierten. Vor allem wohlhabende Menschen wurden nach dem Verzehrt von Tomaten krank. Manche starben sogar.
Der Grund lag jedoch nicht in der Frucht selbst. Reiche Familien aßen häufig von Zinntellern, die damals einen hohen Bleianteil enthielten. Die Säure der Tomate konnte Blei aus diesen Tellern lösen. Wer regelmäßig solche Mahlzeiten zu sich nahm, vergiftete sich langsam mit dem Schwermetall. Die Symptome wurden fälschlicherweise der Tomate zugeschrieben.

Während Reiche von der Tomate krank wurden, machten die Armen andere Erfahrungen
Die ärmeren Bevölkerungsschichten verwendeten dagegen meist Holzschüsseln, Keramik oder einfachere Gefäße ohne nennenswerte Bleianteile. Dort konnte die Tomatensäure kein giftiges Metall herauslösen.
Deshalb entstand über lange Zeit eine bemerkenswerte Situation: Während viele Angehörige der Oberschicht die Tomate für gefährlich hielten, machten Menschen aus einfachen Verhältnissen ganz andere Erfahrungen. In Teilen Italiens und Spaniens wurde die Frucht zunehmend gegessen, ohne dass massenhaft Menschen starben. Tatsächlich existierten zeitweise zwei völlig unterschiedliche Bilder der Tomate nebeneinander.
Das älteste bekannte Tomatensaucen-Rezept
Besonders in Süditalien setzte sich die Tomate früher durch als in vielen anderen Regionen Europas. Bereits im 17. Jahrhundert tauchten erste Rezepte auf. Das früheste bekannte Tomatensaucenrezept stammt aus dem Jahr 1694 vom neapolitanischen Koch Antonio Latini.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Tomate langsam zu einem festen Bestandteil der italienischen Küche. Köche experimentierten mit Tomatensaucen, und immer mehr Menschen erkannten, dass die Frucht nicht nur ungefährlich, sondern auch geschmacklich vielseitig war. Damit begann der langsame Image-Wandel.
Im 19. Jahrhundert widerlegt die Wissenschaft frühere Irrtümer über die Tomate
Im 18. und 19. Jahrhundert machten Wissenschaftler:innen in der Chemie und der Medizin große Fortschritte und überprüften viele der alten Vorurteile. Sie konnten feststellen, dass Bleivergiftungen die Ursache für die vielen Krankheitsfälle waren, die man fälschlicherweise der Tomate zugeschrieben hatte. Die falsche Geschichte, die Tomate sei giftig, war damit endgültig widerlegt. Außerdem stand die Tomate zu dieser Zeit bereits in vielen Teilen Europas auf dem Speiseplan.
Südeuropa macht die Tomate schließlich zum Weltstar
Im 19. Jahrhundert war die Tomate in großen Teilen Südeuropas bereits fest etabliert. Von dort aus eroberte sie den Rest des Kontinents und später die ganze Welt. Die Entwicklung moderner Sorten machte die Früchte größer, roter und süßer als ihre frühen Vorfahren.
Heute werden jährlich hunderte Millionen Tonnen Tomaten produziert. Kaum ein Lebensmittel hat einen vergleichbaren Weg zurückgelegt: von einer verdächtigen Exotin über einen vermeintlichen Giftapfel bis hin zu einem unverzichtbaren Bestandteil der globalen Küche. Die Angst vor der Tomate zählt damit zu den faszinierendsten Irrtümern der Geschichte. Und sie zeigt, wie leicht Menschen manchmal Ursache und Wirkung verwechseln.









