Jesus wurde als jüdisches Kind beschnitten. Im Mittelalter verehrten Kirchen seine angebliche Vorhaut als Reliquie. Und die Mystikerin Katharina von Siena setzte noch einen drauf: In einer Vision erlebte sie eine mystische Vermählung mit Christus, wie sie in der mittelalterlichen Brautmystik als besonders enge Verbindung zwischen Gläubiger und Jesus verstanden wurde. In ihren Briefen deutete Katharina zudem das bei Jesu Beschneidung entfernte Fleisch als Ring und damit als Symbol dieses Bundes. Eine Geschichte, die ziemlich gut zeigt, wie erstaunlich konkret mittelalterliche Frömmigkeit werden konnte.
Die Frage, die irgendwann kommen musste: Wo ist die Vorhaut?
Jesus war Jude, und deshalb wurde er laut Lukasevangelium am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten. Im Neuen Testament ist das eine kurze Bemerkung. Für das christliche Mittelalter war die Sache damit allerdings keineswegs erledigt.
Historisch wurde am 1. Januar die Beschneidung Jesu gefeiert, weil dieser Tag nach damaliger Zählweise acht Tage nach Weihnachten liegt. Grundlage dafür ist das Lukasevangelium: Dort wird berichtet, dass Jesus am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten wurde und dabei seinen Namen erhielt. Die Beschneidung verweist zugleich auf die jüdische Herkunft Jesu und die religiöse Tradition, in die er hineingeboren wurde.
Denn wenn Jesus beschnitten worden war, musste dabei auch seine Vorhaut entfernt worden sein. Und wenn es sich dabei um einen echten Teil des Körpers Christi handelte, lag für reliquienbegeisterte Christen eine Frage geradezu auf der Hand: Wo war das gute Stück geblieben?
Die Antwort lautete in mehreren europäischen Kirchen: bei uns.
Im Lauf des Mittelalters tauchten gleich mehrere angebliche „Heilige Vorhäute“ auf. Verschiedene Orte beanspruchten, das Original zu besitzen, was angesichts der normalerweise überschaubaren Zahl menschlicher Vorhäute gewisse logistische Fragen aufwirft.
Bei Reliquien war eine solche wundersame Vermehrung allerdings nichts völlig Ungewöhnliches. Von Heiligen kursierten Knochen, Zähne, Haare und sonstige Körperteile in Mengen, die manchen Heiligen posthum zu einem erstaunlich umfangreichen Skelett verholfen hätten.
Ein Stück Jesus, das rechtzeitig ausgestiegen war
Bei Jesus hatte die Sache noch einen besonderen Reiz. Nach christlichem Glauben war sein Körper auferstanden und in den Himmel aufgefahren. Wer also einen echten Körperteil Christi als Reliquie haben wollte, hatte ein grundsätzliches Beschaffungsproblem. Die Vorhaut hatte einen entscheidenden Vorteil: Sie hatte den Körper bereits verlassen, bevor dieser in den Himmel auffuhr.

Die Himmelfahrt Christi, dargestellt von Giotto di Bondone, 1304–1306, Scrovegni-Kapelle in Padua. Bild: Wikimedia Commons / Web Gallery of Art, Public Domain.
Religionshistorisch gesehen war sie damit gewissermaßen das perfekte Schlupfloch. Und das machte sie zu einer besonders wertvollen Reliquie. Das heute etwas befremdlich klingende Interesse daran war innerhalb der mittelalterlichen Vorstellungswelt durchaus logisch.
Reliquien galten nicht als skurrile Souvenirs, sondern als reale Verbindung zu heiligen Personen. Ein Körperteil Jesu spielte da selbstverständlich in der Champions League.
Dann heiratet Katharina von Siena Jesus
Noch erstaunlicher wird die Geschichte mit Katharina von Siena. Die italienische Mystikerin lebte im 14. Jahrhundert und gehörte zu den bemerkenswertesten religiösen Persönlichkeiten ihrer Zeit. Sie hatte Visionen, beriet Kirchenmänner und Politiker und beschrieb eine extrem enge, geradezu intime Beziehung zu Christus.
Schließlich berichtete sie von einer mystischen Vermählung mit Jesus.
Das war im mittelalterlichen Christentum nicht vollkommen exotisch. Christus als Bräutigam und die gläubige Frau als Braut waren etablierte religiöse Bilder. Auch der Ring passt dazu: Bis heute tragen Ordensfrauen in manchen Gemeinschaften einen Ring als Zeichen ihrer besonderen Bindung an Christus.
Bei Katharina nahm die Sache allerdings eine eher ungewöhnliche Wendung. Denn ihr Ring war nicht einfach Gold oder Silber.
Als Ehering darf es ruhig etwas Persönliches sein
Katharina verwendete das Bild eines Ringes aus dem Fleisch Christi und verband dieses Fleisch mit der Beschneidung Jesu. Das bei der Beschneidung entfernte Stück seines Körpers wurde zum Symbol des Bundes zwischen Christus und seiner Braut.
Vereinfacht gesagt: Katharina heiratet Jesus – und die Vorhaut wird zum Ehering.

Die mystische Hochzeit der Katharina von Siena mit Christus, dargestellt von Giovanni di Paolo um 1460. Bild: Wikimedia Commons / Metropolitan Museum of Art, Public Domain.
Das ist selbst für mittelalterliche Verhältnisse eine Hochzeit, bei der man sich über die Geschenkeliste vermutlich etwas länger unterhalten hätte. Hinter dem für heutige Ohren spektakulären Bild steckt allerdings eine durchaus nachvollziehbare theologische Gedankenfolge.
Die Beschneidung galt als jener Moment, in dem Jesus zum ersten Mal Blut vergossen hatte. Noch lange vor Geißelung, Dornenkrone und Kreuzigung hatte Christus damit bereits einen Teil seines Körpers und seines Blutes hingegeben. Das Blut stand für Opfer und Bund. Ein Bund wiederum ließ sich durch einen Ring darstellen. Und das passende Stück Fleisch war praktischerweise bereits vorhanden. Das Mittelalter fand also eine Metapher – und ließ sie nicht halb fertig liegen.
Mittelalterliche Mystik war ziemlich körperlich
Überhaupt sollte man sich mittelalterliche Frömmigkeit nicht zu keusch und abstrakt vorstellen. Gerade Mystikerinnen beschrieben ihre Beziehung zu Jesus oft in ausgesprochen körperlichen Bildern. Es ging um sein Blut, seine Wunden, sein Fleisch, seine Schmerzen, um Berührung, Liebe und Nähe.
Das Bild von Christus als Bräutigam entstand nicht erst bei mittelalterlichen Mystikerinnen. Seine Wurzeln liegen im Neuen Testament und in der christlichen Auslegung des biblischen Hohelieds, dessen Liebesgedichte zunehmend als Beziehung zwischen Christus und Kirche beziehungsweise zwischen Christus und der einzelnen Seele verstanden wurden. Im Mittelalter entwickelte sich daraus die sogenannte Brautmystik. Besonders Ordensfrauen konnten ihre religiöse Bindung als mystische Hochzeit mit Christus verstehen. Der Ring wurde dabei zum sichtbaren Symbol dieses Bundes
Christus war nicht bloß eine ferne göttliche Instanz. Er konnte als Geliebter und Bräutigam erlebt werden, dessen Leid man möglichst unmittelbar nachempfinden wollte. Aus dieser Welt stammt Katharinas Ring. Für uns wirkt die Vorstellung zunächst grotesk.
Für sie war sie Ausdruck größter Nähe zu Christus: Er schenkt seiner Braut nicht irgendeinen Ring, sondern buchstäblich etwas von sich selbst. Persönlicher lässt sich ein Hochzeitsgeschenk schwer gestalten.
Tragen Nonnen also Jesu Vorhaut am Finger?
Nein. Hier muss man dem Mittelalter dann doch Grenzen setzen. Der Ring, den Ordensfrauen teilweise tragen, steht allgemein für ihre besondere Bindung an Christus. Die Vorstellung von Christus als Bräutigam ist viel älter und viel breiter als Katharinas spezielle Interpretation. Ein Ordensring bedeutet also nicht: „Diese Nonne trägt symbolisch eine Vorhaut.“
Katharinas „Ring aus Fleisch“ ist eine besonders drastische Variante dieser mystischen Tradition. Die Grundgeschichte bleibt trotzdem bemerkenswert genug: Jesus wird als Kind beschnitten. Jahrhunderte später behaupten mehrere europäische Kirchen gleichzeitig, seine Vorhaut zu besitzen. Und eine der berühmtesten Mystikerinnen des Mittelalters verbindet eben dieses Stück Fleisch mit dem Ring ihrer mystischen Hochzeit mit Christus.
Das Mittelalter war vielleicht nicht immer hygienisch, friedlich oder vernünftig. Bei Symbolik und Hochzeitsgeschenken fehlte es jedenfalls nicht an Fantasie.
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