Flugangst ist weit verbreitet – und macht für viele Menschen bereits den Start zur Ausnahmesituation. Die Hände umklammern die Armlehnen, die Augen sind fest geschlossen. Manche schicken sogar ein Stoßgebet zum Himmel, obwohl sie sonst nicht beten. Gerät das Flugzeug in Turbulenzen oder fühlt es sich plötzlich an, als würde es absacken, rechnen Betroffene schnell mit dem Schlimmsten. Doch die Angst und das tatsächliche Risiko liegen weit auseinander: Fliegen gehört zu den sichersten Arten zu reisen. Flugkapitän Johann-Philipp Spiegelfeld erklärt, was beim Start passiert, woher das Gefühl des Absackens kommt und warum Turbulenzen meist gefährlicher wirken, als sie sind.
Bei manchen beginnt die Flugangst nicht erst an Bord, sondern bereits Tage oder Wochen vor der Reise. Je näher der Abflug rückt, desto stärker kreisen die Gedanken um technische Probleme, Turbulenzen oder einen möglichen Absturz. Aus der Vorfreude auf den Urlaub wird zunehmend Anspannung. Fachleute sprechen von Erwartungsangst: Noch bevor das Flugzeug abhebt, spielt der Kopf bereits alle denkbaren Katastrophen durch.
Wer so empfindet, ist damit nicht allein. Umfragen zufolge erlebt fast jede:r Dritte eine Form von Unsicherheit oder Angst beim Fliegen. Etwa jede:r Zwanzigste leidet unter einer ausgeprägten oder klinisch relevanten Form von Flugangst. Damit ist die Flugangst eine der am häufigsten vorkommenden Phobien.

Flugangst, auch Aviophobie genannt, zählt zu den spezifischen Phobien. Damit ist eine starke Angst vor einer bestimmten Situation gemeint, in diesem Fall vor dem Fliegen. Die Angst kann bereits Tage vor dem Abflug beginnen und sich während des Fluges verstärken. Körperlich kann sich Flugangst durch Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Übelkeit, Atemnot oder Panik zeigen. Von einer Flugphobie spricht man vor allem dann, wenn die Angst so stark ist, dass sie Betroffene deutlich belastet oder Flugreisen ganz vermieden werden.
Ein Blick ins Cockpit: Pilot erklärt, warum Fliegen so sicher ist
Doch eigentlich ist das Fliegen eines der sichersten Fortbewegungsmittel, obwohl es sich für viele Menschen nicht so anfühlt. Um das zu verstehen, hilft ein Blick dorthin, wo Passagiere normalerweise nicht hinschauen können: ins Cockpit. Wir haben mit Johann-Philipp Spiegelfeld gesprochen.
Spiegelfeld hat mehrere tausend Stunden im Cockpit eines Flugzeuges verbracht. Für ihn sind viele der Momente die bei Passagieren Unbehagen auslösen keine Warnzeichen, sondern normale Abläufe.
Entscheidend sei, dass in der Luftfahrt möglichst wenig dem Zufall überlassen bleibt. „Sicherheit ist in der Luftfahrt das höchste Gut“, sagt Spiegelfeld. Flugzeuge werden laufend technisch überwacht, Piloten absolvieren zweimal pro Jahr Simulator-Training und Kontrollprüfungen und Abläufe werden immer wieder geprobt. Dabei trainieren sie auch Situationen, die im echten Flugbetrieb extrem selten vorkommen: Triebwerksausfälle, technische Störungen oder schwierige Wetterbedingungen. Solche Fälle wirken für Passagiere bedrohlich. Für Pilot:innen gehören sie zum Training.
„Sicherheit ist im Cockpit kein schönes Schlagwort, sondern bestimmt unseren Arbeitsalltag und unsere Entscheidungen“, sagt Spiegelfeld.
Das zeigt sich auch in den Zahlen.
Wie Flugangst und Statistik auseinandergehen
Fakt ist: Fliegen ist nach der Statistik eines der sichersten Fortbewegungsmittel. Laut dem internationalen Luftfahrtverband IATA starteten im Jahr 2025 weltweit 38,7 Millionen Flüge. Dabei kam es zu 51 Unfällen. Tödliche Unfälle sind noch viel seltener. 2025 registrierte die IATA acht tödliche Unfälle.
Im Fünfjahresschnitt von 2012 bis 2016 kam ein tödlicher Unfall auf 3,5 Millionen Flüge. Im Zeitraum von 2021 bis 2025 lag dieser Wert bei einem tödlichen Unfall auf 5,6 Millionen Flüge. Fliegen ist also noch sicherer geworden. Oder anders gesagt:
Wer jeden Tag einmal fliegen würde, müsste statistisch mehr als 15.000 Jahre lang täglich abheben, bis er auf einen Flug käme, der in diese Kategorie fällt.
Auch der Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln zeigt: Fliegen ist statistisch so sicher wie fast kein anderes Fortbewegungsmittel. Vergleicht man die Todesfälle nach zurückgelegter Reisestrecke, liegt nur das Schiff vor dem Flugzeug.

Warum Start und Landung so intensiv wirken
Trotz alledem gibt es bestimmte Momente eines Flugs, bei denen sich einige Passagiere unwohl fühlen. Besonders beim Start und bei der Landung spüren Passagiere, dass viel passiert. Die Triebwerke werden lauter. Das Flugzeug beschleunigt. Bei der Landung hört man, ein Quietschen, ein Klacken oder ein dumpfes Geräusch. Für viele Menschen klingt das ungewohnt. Schnell entsteht der Gedanke: Ist das normal?
Für Flugkapitän Spiegelfeld ist genau das der Punkt: Diese Momente wirken für Passagiere intensiv, weil sie viel wahrnehmen. Im Cockpit laufen sie aber nach klaren Regeln ab. „Start und Landung sind natürlich Phasen, in denen im Cockpit besonders viel passiert und unsere volle Aufmerksamkeit gefragt ist“, erklärt er. Pilot:innen kontrollieren zum Beispiel Geschwindigkeit, Flughöhe, Kurs, Triebwerksleistung und die Stellung von Klappen und Fahrwerk. Sie arbeiten Checklisten ab, überwachen die Instrumente und kontrollieren sich gegenseitig.
Viele Geräusche, die Passagiere verunsichern, gehören genau zu diesen Abläufen. Beim Start arbeiten die Triebwerke zunächst mit hoher Leistung. Später verändert sich die Lautstärke, weil die Leistung angepasst wird. Bei der Landung fahren die Klappen an den Tragflächen aus. Sie verändern die Form des Flügels und helfen dem Flugzeug, auch bei niedrigerer Geschwindigkeit stabil zu fliegen. Kurz vor der Landung fährt außerdem das Fahrwerk aus. Auch das ist deutlich hörbar.

Übrigens: Nicht jede sanfte Landung ist automatisch besser. Und nicht jede festere Landung bedeutet, dass etwas schiefgelaufen ist. Spiegelfeld erklärt:
„Manchmal ist eine bewusst etwas deutlichere Landung genau die richtige Landung, zum Beispiel bei Landungen auf kurzen oder nassen Landebahnen.”
Warum sich das Flugzeug nach dem Start manchmal anfühlt, als würde es absacken
Viele Passagiere kennen diesen einen Moment: Das Flugzeug ist gerade gestartet, die Triebwerke arbeiten laut, die Maschine steigt. Dann wird es plötzlich leiser. Die Beschleunigung fühlt sich anders an. Für manche entsteht genau dann das Gefühl: Das Flugzeug sackt ab.
Flugkapitän Spiegelfeld nennt diesen Moment „einen Klassiker“. Tatsächlich passiert in der Regel genau das, was passieren soll. Nach dem Start steigt das Flugzeug zunächst mit hoher Triebwerksleistung. In einer bestimmten Höhe reduzieren Pilot:innen diese Leistung auf die normale Steigleistung.
Dadurch verändern sich Geräusche, Beschleunigung und auch der Steigwinkel. Der Körper kann das falsch deuten. Das Gleichgewichtsorgan interpretiert die Veränderung dann so, als würde das Flugzeug nach unten gehen. In Wirklichkeit steigt es aber weiter, nur eben weniger steil.
Long exposure photo of a plane taking off
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u/Hilltopchill in
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Spiegelfeld erklärt das mit einem einfachen Bild:
„Unser Gleichgewichtsorgan ist ein hervorragendes Instrument für einen Spaziergang auf der Erde. Für die Interpretation eines Verkehrsflugzeugs im Steigflug ist es hingegen eher mäßig qualifiziert.”
Warum Turbulenzen meist schlimmer wirken, als sie sind
Während des Flugs folgt für viele der nächste Angstmoment: Turbulenzen. Das Flugzeug wackelt, der Kaffee im Becher bewegt sich, manche Passagiere greifen fester an die Armlehne.
Aus Sicht von Flugkapitän Spiegelfeld sind Turbulenzen aber zunächst einmal etwas völlig Normales.
„Die Luft ist nämlich nicht überall ruhig,” erklärt er, „genauso wenig wie eine Straße vollkommen eben oder das Meer immer spiegelglatt ist. Ein Flugzeug ist dafür gebaut, mit solchen Luftbewegungen umzugehen.”
Für Pilot:innen geht es bei Turbulenzen vor allem darum, den Flug für Passagiere und Crew sicher und möglichst angenehm zu machen. Deshalb schalten sie bei Bedarf das Anschnallzeichen ein. Manchmal ändern sie auch die Flughöhe oder suchen eine ruhigere Route.
Das größte Risiko liegt dabei meist nicht beim Flugzeug selbst, sondern in der Kabine. Wer nicht angeschnallt ist, kann sich bei plötzlich auftretenden Turbulenzen verletzen.
Der wichtigste Tipp des Piloten ist deshalb:
„Auch wenn das Anschnallzeichen aus ist, den Gurt geschlossen halten.”
Was wirklich gegen Flugangst helfen kann
Schon das Wissen über die Abläufe während des Fluges kann helfen. Denn einer der größten Auslöser von Flugangst ist das Gefühl, keine Kontrolle zu haben. Auch deshalb rät Flugkapitän Spiegelfeld, bewusst hinzuschauen. Wer Angst bekommt, kann zum Beispiel auf die Crew achten. In der Regel gehen Flugbegleiter:innen ganz normal ihrer Arbeit nach, auch wenn es einmal wackelt. Für ängstliche Passagiere kann das beruhigend sein: Wenn die Crew ruhig bleibt, ist die Situation meist auch ruhig.
„Für Fluggäste, die in den meisten Fällen nicht oft fliegen, ist ein Flug natürlich etwas Außergewöhnliches. Für die Menschen, die dieses Flugzeug fliegen, ist das aber ein ganz normaler Arbeitstag. Auch das ist ein beruhigender Gedanke,” sagt Spiegelfeld.
Wer große Angst hat, sollte sie nicht verstecken. Flugkapitän Spiegelfeld empfiehlt, das Unwohlsein der Cabin Crew mitzuteilen. Flugbegleiter:innen kennen solche Situationen und können helfen, Passagiere zu beruhigen.
Wichtig ist auch: Flugangst ist kein Schicksal, mit dem man einfach geboren wird. Phobien können sich entwickeln, etwa durch schlechte Erfahrungen, Panikmomente oder gelernte Reaktionen. Auch Berichte über Flugzeugunglücke können dazu beitragen, dass eine Angst entsteht oder stärker wird.
Die gute Nachricht: Angststörungen und Phobien können behandelt werden. Für akute Fälle bieten viele Fluggesellschaften Flugangstseminare an, die gemeinsam mit Expertinnen und Experten gezielt und sehr erfolgreich an Flugangst arbeiten.
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