Auf den ersten Blick wirkt es, als hätte Singapur alles richtig gemacht. Die Vorzeigemetropole gilt als eines der reichsten Länder der Welt. Seine Einwohner haben eine hohe Lebenserwartung, können sich auf ein ausgereiftes Gesundheitssystem verlassen und profitieren von einem guten Bildungssystem. Doch ist der Stadtstaat tatsächlich das Erfolgsmodell, als das es oft dargestellt wird? Eingeschränkte Presse- und Meinungsfreiheit, die Todesstrafe, die Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte und hohe Lebenshaltungskosten trüben das glanzvolle Bild der Musterstadt.
Die Anomalie: Wie ist Singapur ein Stadt-Staat geworden?
Die Anfänge der Insel
Um zu beginnen, Singapur zu verstehen, muss man zunächst einen Blick auf die Geschichte des Landes werfen. Schon im 13. und 14 Jahrhundert war die Insel an der Südspitze der malaiischen Halbinsel ein wichtiger Handelsposten in der Region. Mit der Zeit nahm die Wichtigkeit Singapurs jedoch ab. Als Thomas Stanford Raffles in seiner Funktion als Gesandter der britischen Ostindien-Kompanie 1819 in Singapur an Land ging, lebten auf der Insel am südlichen Ende der malaiischen Halbinsel gerade einmal 1.000 Menschen.
In einem Vertrag mit dem Sultan von Johor, der das Land damals kontrollierte, erwarben die Briten das Recht, einen Handelsposten auf der Insel zu errichten. Heute gilt dieses Datum als Grundstein des modernen Singapurs. Motiviert sowohl durch die Aussicht auf Arbeit als auch durch den florierenden Handel auf der Insel, zog es immer mehr Menschen aus verschiedenen Teilen Asiens, besonders aber aus China, in die britische Kolonie. Früh teilten die Briten die Stadt streng in ethnisch getrennte Viertel auf. Inder, Chinesen, Araber, Malaien und Europäer lebten getrennt und hatten nur wenige Überschneidungspunkte.
Unabhängigkeit?!
Nach dem zweiten Weltkrieg, in dem die Briten die Insel nicht vor einer brutalen Besatzung Japans schützen konnten, wurden Stimmen lauter, die eine Unabhängigkeit Singapurs von Großbritannien und die Eingliederung in Malaysia forderten. Ab 1963 war Singapur Teil von Malaysia, das zu dieser Zeit von der United Malays National Organisation (UMNO) regiert wurde. Erklärtes Ziel dieser Partei war es, Malaien in Malaysia besser zu stellen als andere Ethnien. Lee Kuan Yew, damaliger Premierminister von Singapur mit chinesischen Wurzeln, war jedoch Teil einer Bewegung, die die Gleichstellung aller Ethnien forderte.
Das war nicht zuletzt deshalb populär, da um die 70 Prozent der Einwohner Singapurs, damals wie heute, chinesische Wurzeln haben. Aufgrund dieser politischen Differenzen kam es in den 1960er Jahren zu gewaltsamen Ausschreitungen mit mehreren hunderten Toten und Verletzten in Malaysia und Singapur. Die UMNO sah sich deshalb 1965 dazu gezwungen, Singapur aus Malaysia auszuschließen.
Heute wird der Tag der Abspaltung von Malaysia, der 9. August, als Nationalfeiertag jährlich zelebriert. 1965 stellte er jedoch einen schweren Schlag für Singapur dar. Viele waren der Meinung, dass das kleine Singapur, ein Land ohne nennenswerte Ressourcen oder internationale Beziehungen, nicht lange überleben würde.

Der Aufstieg: Singapurs Weg zur Weltstadt
Die ersten Schritte des Staates Singapur

Lee Kuan Yews People’s Action Party (PAP) bemühte sich nach der Abspaltung, die internationale Legitimität Singapurs zu sichern. Noch im Jahr der Unabhängigkeit trat das Land den Vereinten Nationen bei und formte 1967 die Association of South East Asian Nations (ASEAN) mit anderen südostasiatischen Staaten, die jedoch erst später zu einer wirksamen regionalen Kooperation beitragen sollte.
Um das Überleben des Stadtstaates zu sichern, setzte die PAP besonders auf Singapurs alte Stärken: die Lage des Landes an der Straße von Malakka, dem wichtigsten Seeweg zwischen China und Europa, erlaubte es den Singapurern, Hafenanlagen auszubauen, und vom Handel zwischen den Kontinenten zu profitieren. Das Economic Development Board des Staates setzte außerdem auf ausländische Investitionen, die zunächst spezialisierte Industrie und später Technologiefirmen und Finanzdienstleistungen sowie Forschungseinrichtungen ins Land holen sollten.
Bis heute gilt Singapur als das Land, in dem es am einfachsten ist, ein Unternehmen zu gründen. Lee und seiner Partei war jedoch auch bewusst, dass ausländische Gelder nur nach Singapur fließen würden, wenn das Land ausreichend stabil und sicher ist.
Von der gespaltenen Stadt zum stabilen multiethnischen Land
Ein Teil der Sicherung dieser Stabilität war die Errichtung zahlreicher Sozialbauten, koordiniert durch das Housing Development Board (HDB), in denen die Einwohner Singapurs bis heute zu günstigen Konditionen Wohnungen für 99 Jahre mieten können. In den HDBs, wie die Häuser genannt werden, leben über 70% der Einwohner Singapurs. Besonders ist hier: durch die staatliche Vergabe der Wohnungen kontrolliert der Staat auch die ethnische Zusammensetzung der Wohnblöcke.
Seit 1989 existieren Quoten, die regulieren, wie viele Menschen aus den verschiedenen Ethnien der Stadt in einem HDB-Block oder Viertel wohnen dürfen. So sollen die ethnischen Viertel, die unter britischer Herrschaft existierten, vermieden werden. Die Quote orientiert sich maßgeblich an den Anteilen der vier kulturellen Gruppen Singapurs – Chinesen, Malaien, Inder und „Andere“ – an der Gesamtbevölkerung. So sorgen die Wohnungen in Singapur zum einen für bezahlbaren Wohnraum, zum anderen aber auch für soziale Durchmischung und die Verhinderung einzelner kultureller Cluster in der Stadt.

Dazu kommen strenge Gesetze, die Einflussnahme auf religiöse oder politische Vereinigungen aus dem Ausland vorbeugen und hohe Strafen für Hassrede ermöglicht. Dadurch gilt Singapur als Vorzeigeland, wenn es um kulturelle Koexistenz geht. Auch die Anhänger der verschiedenen Religionen sind gleichberechtigt. Kirchen stehen neben Synagogen und buddhistischen Tempeln, und die Einwohner haben sowohl am chinesischen Neujahr als auch am Tag des hinduistischen Lichterfests Deepavali oder an Weihnachten frei. Durch die lingua franca Englisch wird außerdem keine der drei großen Bevölkerungsgruppen bevorteilt.
Heute gilt Singapur als eine der lebenswertesten Städte der Welt, ist eines der reichsten Länder weltweit und einer der wichtigsten Finanz- und Logistikknotenpunkte in Asien.
Der Haken: Die PAP und die unvollständige Demokratie
Fehlende Meinungs- und Pressefreiheit
Das ist die „Singapore Story“. Der Schock der Unabhängigkeit wurde von der PAP überwunden, und das Schicksal Singapurs wurde durch das entschiedene Handeln Lee Kuan Yews, sowie seines Sohns und Nachfolgers im Premierministeramt Lee Hsien Loong gewendet. Im Selbstverständnis der Partei blickt die ganze Welt heute neidisch auf den Stadtstaat in Südostasien. Doch der rasante Aufstieg der Nation wurde durch einen straff organisierten und kompromisslosen Regierungsstil erkauft.
Die People’s Action Party wird zwar in freien Wahlen gewählt, hat jedoch seit ihrer Machtübernahme 1959 das politische Spielfeld stark in ihre Richtung gelenkt. So ist die Pressefreiheit im Land stark eingeschränkt. Die größten TV-Sender und Zeitungen sind in der Hand regierungsnaher Medienkonzerne, und der Staat hat die Möglichkeit kritische Berichterstattung zu unterbinden.
Experten sehen bei den Journalisten im Staat darüber hinaus starke Selbstzensur, da sie bei der falschen Berichterstattung schnell ins Visier der Politik geraten können. Gesetze zur Verhinderung von „Fake News“ dienen der PAP zur Überwachung und Kontrolle kritischer Stimmen. Deshalb belegt Singapur im Index der Organisation Reporter ohne Grenzen regelmäßig die hinteren Plätze. Öffentliche Proteste, Demonstrationen oder Streiks sind nur in sehr geringem und streng kontrolliertem Maße erlaubt.
Sichtbar ist diese Unterdrückung beispielsweise im Umgang mit Kritikern der Todesstrafe, die in Singapur immer noch existiert und verhängt wird. Die Todesstrafe wird in Singapur besonders bei Drogendelikten eingesetzt. So reichen beispielsweise 500 Gramm Cannabis im Besitz einer Person, um sie zum Tod zu verurteilen. Auch nach internationaler Kritik hält die Regierung an dieser Praktik fest.
Wer bezahlt den Preis für den Wohlstand?
Die imposante Skyline der Stadt errichteten billige Arbeitskräfte aus anderen asiatischen Ländern. Als Gastarbeiter profitieren sie nicht von den Annehmlichkeiten der Metropole. Ein System bindet ihre Visa streng an den Arbeitgeber. Dadurch können die Behörden ihnen das Aufenthaltsrecht schnell entziehen. Die Arbeiter leben in überfüllten Massenunterkünften am Stadtrand.
Besonders während der Corona-Pandemie wurden die schlechten Zustände sichtbar. Damals veröffentlichte Singapur die Infektionszahlen getrennt nach Gastarbeitern und der übrigen Bevölkerung. Das machte die Zwei-Klassen-Gesellschaft deutlich.
Hinzu kommen die immens hohen Lebenshaltungskosten. Selbst viele Staatsbürger können sie trotz staatlicher Förderprogramme nur schwer tragen.
Hoher Wohlstand, hoher Preis
Singapur macht vieles richtig. In der globalisierten Welt haben die Singapurer beste Voraussetzungen geschaffen, um von der stetig wachsenden Weltwirtschaft zu profitieren, haben Regierungsprogramme zum Wohnungsbau oder zur Verbesserung des Gesundheits- und Bildungssystem mit höchstem Erfolg umgesetzt und die Lebensqualität in der Stadt auf ein Level gehoben, von denen nicht nur die Einwohner der umliegenden Länder nur träumen können.
Doch wer aus Europa neidisch auf die Insel blickt, sollte nicht vergessen, dass all das nur mit der Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten, mit Hilfe unterbezahlter ausländischer Arbeitskräfte und einhergehend mit hohen Lebenserhaltungskosten möglich war. Außerdem ist nicht zu unterschätzen, dass Singapur mit seiner geographischen Lage seit jeher einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Ländern hat. Die Zukunft wird zeigen, ob sich das kleine Singapur weiterhin auf der Weltbühne behaupten kann.









